Tag Politische Kommunikation

Neue Publikation PVS: Das Internet in der politischen Kommunikation – Forschungsstand und Perspektiven

Heute erscheint die neue Ausgabe der Politischen Vierteljahresschrift (PVS). Für die Ausgabe habe ich einen Überblick der aktuellen wissenschaftlichen Debatte zur Rolle digitaler Technologie in der politischen Kommunikation geschrieben.

Ziel des Überblicks ist, den aktuell auf unterschiedliche Fachbereiche verteilten Wissensstand zusammenzuführen und damit den Einstieg in ein Forschungsfeld zu erleichtern, das bisher von der Politikwissenschaft weitgehend ignoriert wurde.

Zwar gibt es prominente Politikwissenschaftler, die den Einfluss des Internets auf die Politik untersuchen, ihre einschlägigen Publikationen finden sich aber überwiegend in Zeitschriften der Kommunikationswissenschaft oder Nischenzeitschriften der Politikwissenschaft. Gründe hierfür sind wohl die überwiegend im Feld vorherrschende paradigmatische Auffassung von kleinen Medieneffekten auf politische Meinungsbildung und das überraschende Desinteresse an der Untersuchung von institutionsinternen Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen in Parteien im Kontext moderner Organisationssoziologie. Diese Ausgangslage führt dazu, dass die Politikwissenschaft zu Fragen des Wandels politischer Kommunikation im Kontext der Digitalisierung wenig eigenständig beizutragen hat.

Dies erscheint zunehmend problematisch. Sei es die Rolle digitaler Technologie in den Wahlkämpfen Barack Obamas, die durch das Internet und Mobiltelefone gestützte Mobilisierung weltweiter Protestbewegungen, die Kontrolle des Internets durch autokratische Regime, der vermutete Zusammenhang zwischen der verstärkten Sichtbarkeit ideologisch geprägter Nischenmedien on- und offline und politischer Polarisierung oder die Potenziale des Internets als Datenquelle. Das Verständnis des Einflusses digitaler Kommunikationstechnologie ist zentral für das Verständnis politischer Prozesse und Phänomene der Gegenwart. Hier kann die interessierte Forscherin auf nun 20 Jahre intensiver Forschungsarbeit der Soziologie und Kommunikationswissenschaft zu gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung im Allgemeinen und des Internets im Besonderen zurückgreifen. Dieser Artikel zeigt eine Reihe thematisch relevanter Fragestellungen und Befunde in der einschlägigen Literatur auf.

Der Artikel erscheint zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Politikwissenschaft muss sich die Frage stellen wo und wie sie die Auswirkungen der Digitalisierung in ihren Theorien, Modellen und Methoden aufnehmen soll. Fest steht: Das Internet ist zentral in der zeitgenössischen politischen Kommunikation und wird es auch bleiben. Für die Politikwissenschaft stellt sich nun die Frage, wie mit diesem Befund umzugehen ist. Sieht man das Internet als bloße Datenquelle für konzeptionell unterentwickelte Zahlenspielchen, als Spielwiese putziger Sonderlinge, die sich in der Internet-Ethnographie verlustieren, oder nimmt man das Phänomen ernst und versucht, seinen Einfluss konzeptionell realistisch zu erfassen? Bleibt der politikwissenschaftliche Konsens bei den ersten beiden Optionen stehen, wird dies unweigerlich dazu führen, dass die Politikwissenschaft zu einem zentralen Element der Politik und der öffentlichen Meinungsbildung keine eigenständigen Beiträge anzubieten hätte. Stattdessen wäre man auf die freundschaftliche Hilfe der Kollegen Soziologen und Kommunikationswissenschaftler angewiesen. In einer Zeit, die zunehmend geprägt ist durch die diskursive Neuverhandlung gesellschaftlicher Werte und Institutionen, erscheint dies als wenig wünschenswerte Entwicklung für das Fach.

Den Artikel gibt es online auf der Seite der PVS und im Preprint hier.

Abstract: Das Internet ist zentrales Element moderner politischer Kommunikation. Trotz seiner Bedeutung wurde dieses Phänomen jedoch in den zentralen Debatten der Politikwissenschaft bisher nur oberflächlich thematisiert. Der vorliegende Literaturüberblick skizziert den sozialwissenschaftlichen Diskurs zur Nutzung des Internets in der politischen Kommunikation. Inhaltlich konzentriert sich der Artikel auf die Darstellung verfügbarer Literatur zur Ideengeschichte politischer Erwartungen an das Internet, die Nutzung des Internets durch politische Eliten und Organisationen sowie die Nutzung des Internets durch die Bevölkerung und damit verbundene Effekte. Der Artikel schließt mit der Darstellung systematischer Probleme in der thematisch relevanten Literatur und mit einem kurzen Ausblick auf mögliche Forschungsperspektiven.

Andreas Jungherr. 2017. Das Internet in der politischen Kommunikation: Forschungsstand und Perspektiven. Politische Vierteljahresschrift 58(2): 285-316. doi: 10.5771/0032-3470-2017-2-285 [Preprint]

Wirkung politischer Kommunikation: Ein Test politischer Informationsbriefe im Feldexperiment

(c) Konrad-Adenauer-Stiftung

(c) Konrad-Adenauer-Stiftung

Letztes Jahr hatte ich Gelegenheit, in einem Kooperationsprojekt in einem für mich neuen Forschungsfeld zu arbeiten: Der Wirkung politischer Kommunikation unter Feldbedingungen.

Gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall, dem Lehrstuhls für Politische Psychologie der Universität Mannheim und meiner Juniorprofessur für Social Science Data Collection and Analysis an der Universität Konstanz stellten wir uns die Frage ob und wie politische Informationsbriefe in Kampagnen wirken.

Gelingt es tatsächlich, Menschen von den Anliegen des Briefes zu überzeugen? Überzeuge ich tatsächlich Unentschlossene oder motiviere ich ohnehin schon überzeugte nur stärker? Kann ich Gegner überzeugen oder bestärke ich sie nur in ihrer Meinung? Diese Fragen testeten wir in einer Kombination aus Feld- und Fragebogenexperiment.

Kurz gesagt: Informationsbriefe wirken. Empfänger unterstützten TTIP nach Erhalt des Briefs stärker als gleichzeitig Befragte, die keinen Brief erhielten. Diese Wirkung lässt über Zeit nach war aber etwa zwei Wochen nach Erhalt des Briefes vorhanden. Kontrollierte Experimente bieten politischen Akteuren klaren Erkenntnisgewinn über die Wirkung ihrer gewählten Werkzeuge und erlauben so eine präzisere Steuerung von Kommunikation und Ressourcenverwendung in Kampagnen.

Im Rahmen der Internationalen Konferenz für Politische Kommunikation (IKPK 2016) der Konrad-Adenauer-Stiftung stellte ich einige vorläufige Zwischenergebnisse unserer Studie vor. Die Videoaufzeichnung der Präsentation gibt schon einmal einen ersten Einblick in unser Vorgehen und vorläufige Ergebnisse.

In einem Working Paper der Konrad-Adenauer-Stiftung stellen wir unser Forschungsdesign und erste Ergebnisse detaillierter vor. Alexander Wuttke bietet eine etwas methodisch konzentrierter Diskussion unsere Studie. Dies sind erst einmal vorläufige Ergebnisse unserer Untersuchung. In den kommenden Monaten werden wir deutlich tiefer in die Daten einsteigen und die Untersuchung und Ergebnisse detaillierter und präziser aufarbeiten. So, watch this space for more to come soon.

Working Paper

  • Randbemerkungen zur Rolle von “Filterblasen” in der politischen Meinungsbildung

    Das ausgehende Jahr 2016 sah viel Aufregung über vermeintliche Wirkungen des Internets in der politischen Meinungsbildung. Im Rahmen dieser Debatte hat mich der Tagesspiegel um meine Einschätzung zu Teilaspekten dieser Debatte gefragt.

    In Reaktion hierauf gab ich eine kurze Einschätzung zur aus meiner Sicht überschätzten Rolle von Filterblasen für politische Meinungsbildung:

    Das Verführerische und zugleich auch Gefährliche an der Filterblasen-These ist, dass sie versucht, über einen einfachen und intuitiven Mechanismus unliebsame politische Phänomene zu erklären. Wenn Algorithmen Verantwortung für politische Polarisierung, mangelnde Empathie oder zunehmende politische Radikalisierung tragen sollten, dann liegt es nahe, diese Algorithmen anzupassen, und sofort sind alle Probleme politischer Meinungsbildung durch das „richtige“ Design digitaler Dienste gelöst.

    (…)

    Wenn wir die tatsächliche Rolle des Internets im politischen Meinungsbildungsprozess verstehen wollen, hilft es wenig, einzelne technische Phänomene isoliert zu betrachten. Stattdessen ist die sorgfältige Untersuchung des Wechselspiels unterschiedlicher individueller, gesellschaftlicher, struktureller und technologischer Faktoren notwendig. Befunde solcher Untersuchungen werden zwar keine vergleichbar intuitiven und schlagzeilenfreundlichen Begriffe prägen wie den der Filterblase. Dafür versprechen sie aber tatsächliche Erkenntnisse über die Dynamik politischer Meinungsbildungsprozesse der Gegenwart.

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