Talks · 12 October 2026
KI im Wahlkampf: Warum bessere Kampagnen mehr brauchen als neue Tools
Heute habe ich bei der Internationalen Konferenz für Politische Kommunikation (IKPK) über die Rolle von KI im Wahlkampf gesprochen. Wichtig war mir hierbei auf die strukturellen und Organisations-Aspekete der politischen Nutzung von KI einzugehen. Hier ist die Präsentation und eine von ChatGPT erstellte Zusammenfassung der Folien und meiner Notizen.
Generative KI kann Wahlkampfteams helfen, schneller zu kommunizieren, Wähler zu erreichen und bessere Entscheidungen zu treffen. Doch der entscheidende Vorteil entsteht nicht durch einzelne Anwendungen. Er entsteht, wenn Parteien ihre Kampagnenarbeit grundlegend verbessern.
Wer heute einen Wahlkampf organisiert, kennt die Herausforderungen: Die Social-Media-Kanäle müssen bespielt, Veranstaltungen vorbereitet, Freiwillige koordiniert und aktuelle Entwicklungen bewertet werden. Gleichzeitig kommen ständig neue Informationen aus Umfragen, Kreisverbänden und Gesprächen mit Wählern hinzu. Die Zeit ist knapp, die Aufmerksamkeit begrenzt und die Teams sind häufig überlastet.
Was kann generative KI hier leisten? Statt mit den technischen Möglichkeiten zu beginnen, sollten wir drei Aufgaben betrachten, die jede erfolgreiche Kampagne bewältigen muss: sichtbar sein, Menschen erreichen und aus Erfahrung lernen.
1. Sichtbar sein: Mehr Präsenz, ohne ständig neu anzufangen
David Plouffe, Wahlkampfmanager von Barack Obama, argumentierte kürzlich, moderne Kampagnen müssten wie ein dauerhaft arbeitendes Produktionsstudio funktionieren. Denn wer politische Aufmerksamkeit gewinnen will, muss auf vielen Kanälen kontinuierlich mit relevanten Inhalten präsent sein.
Das bedeutet nicht, dieselbe Pressemitteilung auf Facebook, Instagram und TikTok zu veröffentlichen. Eine politische Position muss für unterschiedliche Formate, Situationen und lokale Kontexte aufbereitet werden.
Genau hier hilft generative KI. Aus einer Position zum Wohnungsbau lassen sich beispielsweise ein kurzes Video-Skript, eine Argumentationshilfe für den Haustürwahlkampf, ein Newsletter und mehrere lokale Varianten entwickeln. Die redaktionelle Prüfung und Freigabe bleiben beim Kampagnenteam.
Allerdings verändert KI auch den Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Wenn alle Kampagnen beliebig viele Inhalte produzieren können, wird Content zur Massenware. Umso wertvoller werden Persönlichkeit, Glaubwürdigkeit, eigene Erfahrungen und echte Begegnungen.
KI kann die Reichweite einer politischen Position erhöhen. Sie kann die Position und die Menschen, die sie glaubwürdig vertreten, nicht ersetzen.
2. Menschen erreichen: Aus Aufmerksamkeit wird Kontakt
Eine Kampagne kann täglich Inhalte veröffentlichen und trotzdem an den entscheidenden Menschen vorbeikommunizieren. Sichtbarkeit allein mobilisiert keine Unterstützer und überzeugt keine Unentschlossenen.
KI kann dabei helfen, Wählergruppen zu identifizieren, individuelle Fragen zu beantworten und politische Gespräche in größerem Umfang zu ermöglichen. Experimente zeigen, dass Gespräche mit KI politische Einstellungen verändern können. Allerdings bleibt eine praktische Hürde: Menschen müssen zunächst bereit sein, mit einem solchen System zu sprechen. Zudem können KI-Kennzeichnung und offengelegte Überzeugungsabsichten die Wirkung verringern.
Mindestens ebenso interessant ist deshalb der Einsatz innerhalb der eigenen Kampagne.
Im New Yorker Bürgermeisterwahlkampf 2025 nutzte das Team von Zohran Mamdani automatisierte Instagram-Nachrichten, um Interessenten unmittelbar Angebote zum Mitmachen zu schicken. Nach Angaben der Beteiligten entstanden daraus mehr als 45.000 Klicks. Die zugrunde liegenden Abläufe waren noch regelbasiert, keine generative KI. Sie zeigen aber, wie sich digitale Aufmerksamkeit in konkrete Beteiligungsmöglichkeiten übersetzen lässt.
Generative KI kann solche Prozesse erweitern: Freiwillige über Einsätze informieren, Rückfragen beantworten, Termine koordinieren und an vereinbarte Aufgaben erinnern.
Die entscheidende Frage für Wahlkampfteams lautet daher nicht: Können wir einen Chatbot einsetzen? Sondern: Hilft uns das System, mehr Menschen tatsächlich in Gespräche, Unterstützung und politische Beteiligung zu bringen?
3. Aus Erfahrung lernen: Die unterschätzte Stärke von KI
Hier liegt möglicherweise das größte Potenzial für Parteien.
Wahlkämpfe produzieren ständig Informationen: Umfragen, Haustürberichte, Kontaktzahlen, Social-Media-Reaktionen, Veranstaltungserfahrungen und Einschätzungen aus den Wahlkreisen. Das Problem ist selten, dass überhaupt keine Informationen vorliegen. Häufig sind sie über verschiedene Teams, Dienstleister und Systeme verteilt.
KI kann helfen, daraus handlungsrelevantes Wissen zu machen.
Die US-Organisation Swing Left wertet beispielsweise Gesprächsnotizen von Freiwilligen mit KI aus. Dadurch sollen wiederkehrende Anliegen und Probleme sichtbar werden, die in einzelne Gespräche eingebettet sind. In einer kalifornischen Kongresskampagne konnten Mitarbeiter über eine KI-Schnittstelle Fragen an aktuelle Felddaten stellen, statt auf vorbereitete Berichte warten zu müssen.
Das sind interessante Anwendungsfälle, keine Nachweise für zusätzliche Wählerstimmen.
Der entscheidende Schritt geht noch weiter: Sehen, handeln, lernen.
Was hören unsere Wahlkämpfer an den Haustüren? Welche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus? Welche Maßnahmen beschließen wir? Und überprüfen wir anschließend, ob sie funktioniert haben?
Dafür braucht es verbindliche Abläufe. KI kann Informationen zusammenführen, Entscheidungen dokumentieren und Ergebnisse vergleichbar machen. Doch die Organisation muss selbst festlegen, wer prüft, entscheidet und auswertet.
Gerade Parteien sollten außerdem an die Zeit nach dem Wahltag denken. Wenn Mitarbeiter und Agenturen wechseln, gehen häufig wertvolle Erfahrungen verloren. Eine Kampagne kann intensiv gearbeitet haben und trotzdem kaum organisationales Wissen hinterlassen.
Der Gamechanger liegt in der Organisation
Ein AI Officer, neue Softwarelizenzen und Prompt-Schulungen sind noch keine KI-Strategie. Entscheidend ist, ob damit die tatsächliche Kampagnenarbeit besser wird.
Für Parteien bedeutet das, schon vor dem nächsten Wahlkampf drei Dinge aufzubauen: einen verlässlichen Produktions- und Freigabeprozess für KI-Inhalte, einen transparenten und messbaren KI-Einsatz im Wählerkontakt oder Freiwilligenmanagement und ein dauerhaftes System zur Dokumentation und Auswertung von Entscheidungen.
Dabei sollten Kampagnen nicht möglichst viele KI-Anwendungen einführen, sondern wenige konkrete Abläufe verbessern, deren Nutzen sie überprüfen können.
Der eigentliche Sprung liegt zwischen KI benutzen, mit KI arbeiten und mit KI lernen. Langfristig könnten jene Kampagnen profitieren, die diese Fähigkeiten miteinander verbinden: Was sie draußen hören, verändert ihre Kommunikation. Die Reaktionen darauf beeinflussen ihre nächsten Entscheidungen. Und die Erfahrungen bleiben der Organisation erhalten.
Der Gamechanger ist nicht ChatGPT. Es ist eine Kampagne, die besser sieht, schneller handelt und systematisch lernt. Eine gute Kampagne lässt ihre Partei nach dem Wahltag klüger zurück, als sie vorher war – ob sie gewinnt oder verliert.