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Twitter als Informationsquelle politischer Information

Heute veröffentlicht die Konrad-Adenauer Stiftung im Rahmen einer Podiumsdiskussion ein gemeinsames Diskussionspapier von Harald Schoen, Ralf Güldenzopf und mir in dem wir uns die Frage stellen ob und in welchen Kontexten Twitter-Daten wertvolle Informationen für die politische Kommunikation bieten.

Mit dem Papier reagieren wir auf aktuelle Trends in der politischen Berichterstattung und politischen Kampagnenführung, verstärkt unterschiedliche Social-Media Kanäle als Quelle informeller Meinungsbilder heranzuziehen. Besonders der Microblogging Dienst Twitter hat sich hierfür zu einer prominenten Quelle entwickelt. Zusätzlich geistert im Vorfeld von Wahlen verstärkt die Behauptung durch Medien und Öffentlichkeit man könne anhand von Twitter-Daten Wahlen vorhersagen.

Gegeben der zunehmenden Prominenz dieser Behauptung und der zunehmenden Integration von Twitter in der politischen Berichterstattung haben wir uns im Rahmen des Papiers die Aufgabe gestellt, dieses vermutete Potential Twitters politische Phänomene abzubilden zu testen. Hierbei konzentrierten wir uns auf drei Fragen:

1. Erlaubt Twitter die Erstellung korrekter Wahlprognosen oder aktueller politischer Meinungsbilder?

2. Bilden Themen in politikbezogenen Twitter-Nachrichten zutreffend die politische Themen-Agenda ab?

3. Erlauben Schwankungen im täglichen Volumen politikbezogener Twitter-Nachrichten zutreffenden Identifikation politisch relevanter Ereignisse im Verlauf einer Kampagne?

1. Wahlprognosen

Wahlprognosen auf Basis von Parteinennungen auf Twitter

Wahlprognosen auf Basis von Parteinennungen auf Twitter

Die vorangestellte Abbildung zeigt deutlich, dass Twitter-basierte Vorhersagen des Wahlergebnisses 2013 der wichtigsten Parteien überwiegend nicht ins Schwarze trafen. Hier vergleichen wir die Stimmanteile der acht größten deutschen Parteien mit den Anteilen ihrer Nennungen auf Twitter, sei es in Worten oder in Hashtags.

Twitter-basierter Prognosen unterschätzen den Stimmanteil der großen Parteien CDU und SPD und überschätzen die kleinen Parteien FDP, Piraten und AfD. Das hat unterschiedliche Gründe. Die FDP erhielt den Großteil ihrer Nennungen auf Twitter in der letzten Woche der Kampagne. Am 15.9.2013, also eine Woche vor der Bundestagswahl, fand in Bayern die Landtagswahl statt, bei der es der FDP nicht gelang, die Fünfprozenthürde zu überspringen und damit in den Landtag einzuziehen. Vom Wahlabend an stiegen die Nennungen der FDP deutlich im Vergleich zu dem Zeitraum vor der bayerischen Landtagswahl. Dieses Nachrichtenvolumen wurde hauptsächlich von Spekulationen und Spott über die Frage getrieben, ob die FDP auch bei der kommenden Bundestagswahl an der Fünfprozenthürde scheitern würde.

Betrachtet man die Nennungen der Piraten, wird deutlich, dass sich die Zahl der Nennungen im gesamten Kampagnenverlauf auf einem höheren Niveau bewegte als die Nennungen anderer Parteien. Dies wird bei Hashtagnennungen der Parteien besonders deutlich. Die Prominenz der Piraten auf Twitter scheint also unabhängig von spezifischen Anlässen wie Medienereignissen oder Kontroversen zu sein. Die Häufigkeit ihrer Nennungen ist höchst wahrscheinlich der starken Überrepräsentation von Piratenanhängern im Jahr 2013 auf Twitter im Vergleich zu den Anhängern anderer Parteien geschuldet. Die Erklärung der relativen Stärke der AfD lässt sich nicht im Zeitverlauf ihrer Nennungen finden. Stattdessen müssen wir uns hier die Nachrichten im Detail ansehen. Dabei zeigt sich, dass die Nennungen von einem sehr aktiven Unterstützerkern getrieben werden, die Partei aber auch sehr starke und kontinuierliche negative Reaktionen auf sich zog.

Schwächen Twitter-basierter Prognosen wurden also durch zwei unterschiedliche Gründe verursacht. Nennungen von Parteien folgten Aufmerksamkeitsschwankungen, die auf politische Ereignisse und Kontroversen reagierten (FDP, AfD), und spiegelten die überproportionale Präsenz und Aktivität von Unterstützern bestimmter Parteien (Piraten, AfD) wider. Keine dieser Ursachen ist systematisch mit Schwankungen in Wahlabsichten oder politischer Unterstützung verbunden. Dies zeigt ein Vergleich der Dynamik der Nennungen von Parteien auf Twitter und der Dynamik ihrer Umfrageergebnisse.

2. Twitter Agenda

Prominente Themen in politischen Twitter-Nachrichten im Vergleich der öffentlichen Agenda und der politischen Bericherstattung

Prominente Themen in politischen Twitter-Nachrichten im Vergleich der öffentlichen Agenda und der politischen Bericherstattung

Der direkte Vergleich zwischen den zehn prominentesten Themen über die vier verglichenen Agenden in der vorangestellten Abbildung zeigt viel Variation. Die öffentliche Agenda wird von Sorgen über Finanz- und Euro-Krisen, Arbeitslosigkeit, das Bildungssystem und Arbeitsmarktpolitik dominiert. Im Kontrast hierzu wird die Zeitungs-Agenda von der Berichterstattung über die NSA-Affäre, verschiedene internationale Krisen, die Finanz- und Euro-Krisen und Deutschlands Energieversorgung beherrscht. Auf der Fernsehagenda stehen dagegen internationale Krisen und der NSA-Skandal im Mittelpunkt, gefolgt von Verkehrs- und Verteidigungspolitik. Die Twitter-Agenda ist fokussiert auf den NSA-Skandal und Themen in Zusammenhang mit Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz und Privatsphäre sowie Innenpolitik im Allgemeinen. Es fällt zudem ins Auge, dass die Twitter-Agenda deutlich konzentrierter ist als die anderen Themen-Agenden. 37,8% aller Nennungen auf Twitter entfielen auf den NSA-Skandal. Betrachten wir alle internetbezogenen Themen auf Twitter, entfällt fast die Hälfte aller Nennungen auf sie. Dies stützt die Interpretation, dass Twitter-Daten politische Realität widerspiegeln, dies allerdings gefiltert durch die Interessen politisch lautstarker Twitter-Nutzer.

3. Ereignisse

Tägliche Schwankungen im Volumen politisch relevanter Twitter-Nachrichten

Tägliche Schwankungen im Volumen politisch relevanter Twitter-Nachrichten

Die vorangehende Abbildung zeigt das tägliche Volumen von politisch relevanten Twitter-Nachrichten. Die Abbildung verdeutlicht, dass das Volumen politikbezogener Tweets an bestimmten Tagen deutlich von dem Volumen an den meisten anderen und insoweit „normalen“ Tagen abweicht. An diesen Tagen waren politischer Ereignisse oder Akteure deutlich stärker im Fokus der Aufmerksamkeit von Twitter-Nutzern als an anderen Tagen. Welche Ereignisse führten zu diesen Aufmerksamkeitsgipfeln?

Die Ereignisse, die zu Spitzenwerten politikbezogener Tweets führten, waren hauptsächlich Medienereignisse oder durch Medien ausgelöste Ereignisse. Besonders deutliche Spitzen wurden von der Fernsehdebatte der Kanzlerkandidaten und der medialen Berichterstattung an Wahlabenden ausgelöst. Während fast alle Spitzenwerte auf politisch relevante Ereignisse deuteten, so führten doch bei weitem nicht alle relevanten Ereignisse der Kampagne zu solchen Spitzen. Eine Vielzahl unabhängiger Ereignisse, Kontroversen und Kampagnenaktivitäten im Verlauf der Kampagne führten jedoch nicht zu sichtbaren Veränderungen im Volumen politikbezogener Twitter-Nachrichten.

Fazit:
In Bezug auf unsere eingangs gestellten Fragen sind unsere Ergebnisse also eher entmutigend. Weder erlaubten Twitter-Daten die Erstellung korrekter Wahlprognosen oder Meinungsbilder, noch die Identifizierung für die Bevölkerung relevanter politischer Themen oder die zuverlässige Identifikation relevanter Kampagnenereignissen.

Wir hoffen, mit dem Papier einen kleinen Dämpfer auf allzu enthusiastische Hoffnungen zu setzen, die zunehmend an die Nutzung digitaler Spurendaten in der politischen Kommunikation geknüpft werden. Es ist nicht so, dass wir glauben, die Analyse von Social-Media Daten enthalte keine wertvollen Informationen–im Gegenteil–allerdings glauben wir, dass wir momentan überwiegend Fragen an diese Daten stellen, die sie realistischer Weise nicht beantworten können:

Die Aussagekraft von Twitter als Informationsquelle über politische Phänomene hängt stark vom Erkenntnisinteresse ab. Politiker, Berater, Journalisten und Wissenschaftler, die in Twitter gleichsam eine Glaskugel zukünftiger politischer Geschehnisse sehen, werden notwendigerweise enttäuscht. Zu weit entfernt ist die Veröffentlichung eines Tweets von individuellen Wahlabsichten, als dass hier eine stabile und in Prognosen belastbare Beziehung zu erwarten wäre. Im Unterschied dazu erwächst Twitter ein Erkenntnispotential aus den täglichen Schwankungen in der politischen Aufmerksamkeit seiner Nutzer: Welche Themen, Akteure oder Inhalte binden wann die Aufmerksamkeit von sich zu Politik äußernden Twitter-Nutzern? Dies sind für Wissenschaftler offensichtlich interessante Fragen – Fragen, deren Bearbeitung zurzeit jedoch zu Gunsten des unrealistischen, aber einfach zu verfolgenden Ziels der Wahlvorhersage noch vernachlässigt werden, die jedoch das eigentliche wissenschaftliche Erkenntnispotential von Twitter-Daten bilden.

Auch Politikern und Journalisten versprechen Twitter-Daten wertvolle Erkenntnisse. Entscheidend ist jedoch auch für sie, dass sie sich von unrealistischen Erkenntniszielen lösen und stattdessen Antworten auf Fragen suchen, die Twitters datengenerierenden Prozess entsprechen. Dies betrifft am offensichtlichsten die Erwartung, dass Twitter-Daten die Erstellung von politischen Meinungsbildern ermöglichen. Sowohl das Auszählen einfacher Nennungen politischer Akteure in Twitter-Nachrichten als auch die Nutzung unterschiedlicher Verfahren der Sentiment-Analyse eröffnet keine systematischen Rückschlussmöglichkeiten auf öffentliche Meinung oder zukünftiges Wahlverhalten (Jungherr et al., 2016). Die Verwendung solcher Analysen in der Kampagnenplanung und -evaluation oder der politischen Berichterstattung ist also bestenfalls wenig mehr als eine Spielerei, im schlechteren Fall ein irreführendes Störsignal in der Entscheidungsfindung – vergleichbar mit dem wenig repräsentativen Stimmungstest am Stammtisch. Das heißt jedoch nicht, dass Twitter-Daten keine Erkenntnisse bereithalten. Eine Möglichkeit besteht darin, in Twitter-Nachrichten keine repräsentativen Meinungsbilder zu suchen, sondern Twitter-Nachrichten wie Äußerungen von Fokusgruppen zu betrachten.

Studie:
Andreas Jungherr, Harald Schoen und Ralf Güldenzopf. 2016. Twitter als politische Informationsquelle. Berlin: Konrad-Adenauer Stiftung. [pdf]

Weiterführende Texte:
Die in dem Papier durchgeführten Analysen basieren auf einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten, die wir über die letzten Jahre durchgeführt haben. Wer an einer Vertiefung der hier angerissenen Themen interessiert ist sei auf die folgenden Texte verwiesen:

Andreas Jungherr, Harald Schoen, and Pascal Jürgens. 2016. The mediation of politics through Twitter: An analysis of messages posted during the campaign for the German federal election 2013. Journal of Computer-Mediated Communication. 21(1): 50-68. doi: 10.1111/jcc4.12143

Andreas Jungherr, Harald Schoen, Oliver Posegga, and Pascal Jürgens. 2016. Digital Trace Data in the Study of Public Opinion: An Indicator of Attention Toward Politics Rather Than Political Support. Social Science Computer Review. (Online First). doi: 10.1177/0894439316631043 [Online Appendix]

Andreas Jungherr. 2015. Analyzing Political Communication with Digital Trace Data: The Role of Twitter Messages in Social Science Research. Cham: Springer. [Springer Link] [amazon.de].

Medienecho:

Why you shouldn’t use Twitter to predict elections

Yesterday the Social Science Computer Review published a new paper by Harald Schoen, Oliver Posegga, Pascal Jürgens, and me on the futility of trying to predict elections with Twitter. This claim shouldn’t be all that controversial, but apparently it is.

Quite a few studies have identified fundamental problems with Twitter-based predictions. Especially Daniel Gayo-Avello has written multiple times about systematic flaws in these attempts, so has Takis Metaxas, and Mark Huberty. More fundamentally Fernando Diaz and colleagues have identified central challenges in interpreting social media data as proxies for survey results because of irregular fluctuations in the services’ user base and difficulties to consistently map this activity to established sentiment or opinion measures. The predictive potential of other digital services has also been challenged. For example, David Lazer, Gary King, and colleagues illustrated general challenges of working with these data by focusing on Google Flu Trends. So skeptics are in good company. Still, where there is a business case, there also is hope.

Building on earlier work, in our new paper we focused on checking the central claim underlying the arguments of proponents of using Twitter to predict elections, implicitly assuming that mentions of political actors somehow indicate political support. On the face of it, this argument seems highly unlikely but a series of apparently positive findings give the impression that there might be something to it. If we look closely at the data, though, we find that Twitter mentions much more likely indicate public attention towards politics, a concept that sometimes–but far from always–might be correlated with political support. As we state in the article:

“Our evidence raises doubts with regard to the validity of Twitter-based metrics as indicator for political support. In addition, trends in the daily mention counts of political parties showed no systematic link with trends in opinion polls. Instead, the dynamics in the daily mention counts of parties appear to correspond with media events, media coverage of politics, and controversies. It, therefore, appears far more likely that Twitter-based metrics measure public attention toward politics than political support. Sometimes attention might be a covariate of support, but this relationship is far from stable. Our analysis underscores the importance of approaching the use of digital trace data in the measurement and analysis of political and social phenomena cautiously and emphasizes the importance of using established standards of social science methodology in indicator validation to avoid premature conclusions.”

Thus, studies identifying Twitter to be a predictor of electoral results might in fact have identified cases in which public attention, manifested in Twitter messages, was correlated with public support. But, as the many negative findings by us and other researchers indicate, this relationship is far from universal. To use Twitter as indicator of electoral fortunes might thus be simply betting on the stability of the link between attention and support in any given election. A stability which various politicians at the center of controversy and scandal might doubt.

To be sure, this is not to say that Twitter-data do not hold significant potential for public opinion research. As we have stated elsewhere, Twitter messages mirror parts of social and political life mediated through the interests, attention, and motivations of Twitter users. There is a host of topics in which Twitter-data might be productively used:

Likely candidates for political phenomena to create digital traces are political media events, intense media coverage of politics, or public controversies. Accordingly, future research may focus on using Twitter data to analyze which kind of political information attracts Twitter users’ attention and is distributed online. This gives rise to important questions concerning the sources, that is, the media, political elites, or social networks, and conditions successful in getting Twitter users to pay attention to political information. Thus, Twitter has the potential to become a source of insight into conditions and dynamics of attention toward politics.

Unfortunately, much of recent research attention has been focused on trying to make Twitter-data fit other measurements of political and social life. While the hope for finding cheap and readily available proxies for expensive and slow survey-based measures of public opinion is understandable, Twitter might be an unlikely candidate to provide this proxy. So instead of overextending our expectations scholars should probably leave predictions to consultants and instead:

“[…] should acknowledge the conditional nature of findings more freely and be more careful in considering and analyzing the consequences of potentially varying data-generating mechanisms. This might lead Twitter-based research to free itself from inflated early expectations to find proxies of public opinion in Twitter-data and instead focus on the potential of digital trace data in yielding insights into public attention toward political information. Digital trace data may thus provide valuable information for public opinion research, though on different phenomena than those on which prior research focused.”

Andreas Jungherr, Harald Schoen, Oliver Posegga, and Pascal Jürgens. 2016. Digital Trace Data in the Study of Public Opinion: An Indicator of Attention Toward Politics Rather Than Political Support. Social Science Computer Review. (Online First). doi: 10.1177/0894439316631043 [Online Appendix]

This paper’s findings have be covered by The Hill, The Guardian, The Washington Post, Newsweek, Reuters, Ars Technica UK, Fortune, Politico EU, The World Economic Forum, and others.

Die Rolle des Internets in den Kampagnen der Parteien zur Bundestagswahl 2013

Für die diesjährige Ausgabe des von Markus Beckedahl herausgegebenen Handbuch Netzpolitik habe ich einen kurzen Text zur Nutzung des Internets in den Kampagnen der Parteien zur Bundestagswahl 2013 geschrieben. Das Buch gibt es als e-book bei amazon und in Druckform bei Lulu.

Die Rolle des Internets in den Kampagnen der Parteien zur Bundestagswahl 2013

Es gibt keinen Online-Wahlkampf
Die Diskussion über die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen leidet darunter, dass sie von Wahlkampf zu Wahlkampf regelmäßig über- und unterschätzt wird. Jeden Kampagnenzyklus hören wir aufs Neue zwei Behauptungen: „das Internet wird die Kampagnenführung für immer verändern“, und: „das Internet ist in seiner politischen Wirkung überschätzt und deshalb ändern sich auch Wahlkämpfe nicht“. Zwischen diesen Extrempolen findet sich in der öffentlichen Berichterstattung über die Rolle des Internets in Wahlkämpfen wenig.

Die übertriebenen Erwartungen der einen machen es den anderen leicht, tatsächliche Entwicklungen in der Nutzung des Internets durch Parteien und Kandidaten zu ignorieren. So geht eine pragmatische Diskussion der Entwicklung von Internetnutzung in politischen Kampagnen im Ödland zwischen den Phantasien von Social-Media-Utopisten und dem einfallslosen „wir haben es doch gleich gesagt“ der Technikpessimisten verloren.

Es fängt schon damit an, dass der Begriff „Online-Wahlkampf“ suggeriert, ein besonderer Teil der Kampagne wäre für das Internet reserviert, oder man würde Stimmen ganz gezielt und ausschließlich im Internet gewinnen. Tatsächlich findet man diesen Begriff fast nur in Berichten über die Rolle des Internets im Wahlkampf. Wahlkämpfer selber zeigen sich sehr viel skeptischer in seiner Nutzung. Für sie ist das Internet ein Werkzeug unter vielen mit dem sie bestimmte Zielgruppen ihrer Kampagne mit bestimmten Botschaften erreichen können und die sie so über das Internet dazu bewegen wollen, sich in anderen Teilen der Kampagne zu beteiligen. Es geht also darum, Interesse und Aktivität an der Kampagne online in Interesse und Aktivität offline zu übersetzen. Anstelle über Online-Wahlkampf sollten wir also über die unterschiedlichen Funktionen unterschiedlicher Internetdienste und digitaler Werkzeuge für unterschiedliche Kampagnenelemente diskutieren.

Dies bedeutet vielleicht, dass wir unsere Erwartungen an die transformative Kraft des Internets für den politischen Prozess dämpfen müssen. Von diesen Erwartungen befreit können wir nun aber tatsächliche Entwicklungen in der Nutzung des Internets durch politische Kampagnen diskutieren. Und hier hat sich im Wahlkampf 2013 im Vergleich zu den Kampagnen 2009 einiges getan.

Natürliche Einbindung des Internets in die Kampagnen aller Parteien
2009 standen alle Parteien vor der Herausforderung, Social-Media-Angebote in ihre Kampagnen aufzunehmen, ohne dass es aus dem deutschsprachigen Raum hierfür Erfahrungen gab. Landtagswahlkämpfe dienten den Parteien als Labore, um die Nutzung von Social Media in ihren Kampagnen zu testen. 2013 steht hierzu in deutlichem Kontrast. Alle etablierten Parteien beschäftigten in ihren Parteizentralen Mitarbeiter, die bereits lange vor Beginn des Wahlkampfs unterschiedliche Social-Media Angebote der Parteien oder Spitzenkandidaten betreuten. Parteizentralen konnten also deutlich selbstbewusster im Netz auftreten. Sie kannten die vielfältigen Communities, die sich um ihre Angebote gebildet hatten, besser und konnten somit realistischer einschätzen wie sie ihre unterschiedlichen Online-Angebote nutzen sollten, um ihre übergeordneten Kampagnenziele zu erreichen.

Unterschiede in der Nutzung des Internets zwischen den Parteien sind also nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass bestimmte Parteien das Internet „verstanden“ haben, während andere noch immer am Design ihrer Frontpage-Seiten basteln. Unterschiedliche Nutzungsarten sind eher Zeichen dafür, dass die Parteien unterschiedliche Kampagnenziele verfolgten. Diese unterschiedlichen Kampagnenziele spiegelten sich dann auch in den unterschiedlichen Schwerpunkten, die Parteien in ihren Internetangeboten legten.

Die Internetangebote der Parteien als Spiegelbild ihrer Offline-Kampagne
Verglich man zum Beispiel die Internetseiten der CDU und der SPD sah man online ein Spiegelbild der Kampagnen offline. Die CDU bot eine Webseite mit großen Bildflächen und kurzen Textanrissen. Angebote an Besucher der Seite, sich aktiv an der Kampagne zu beteiligen – sei es durch Spenden oder aktive Mithilfe im Wahlkampf – fanden sich zwar auf der Seite, allerdings waren diese Angebote wenig prominent positioniert. Der Besucher der SPD-Webseite sah deutlich mehr Textangebote und wurde prominent auf der Seite aufgefordert, die Kampagne in unterschiedlicher Art zu unterstützen: sei es durch die Anmeldung für den E-Mail-Verteiler der Kampagne, durch Spenden oder über die Registrierung für den aktiven Tür-zu-Tür Wahlkampf. Die Internetangebote der CDU betonten die Spitzenkandidatin Angela Merkel. Eine Entscheidung, die vor dem Hintergrund der hohen Zustimmungswerte der Kanzlerin in den Gesamtstil der Kampagne passte. Die SPD entschied sich vor dem Hintergrund eines in der Öffentlichkeit überwiegend kritisch diskutierten Kandidaten dazu, auf ihren Internetangeboten verstärkt auf politische Themen zu setzten. Die Offline-Kampagnenstrategien beider Parteien fanden so ihre Online-Gegenstücke.

Ein weiteres Beispiel für die Unterstützung von traditionellen Offline-Kampagnenelementen durch Online-Werkzeuge bietet das Riesenplakat der Merkel-Raute. Die CDU platzierte am Berliner Hauptbahnhof ein überdimensionales Plakat, das die Hände Angela Merkels in der für sie typischen Haltung zeigte. Das Plakatmotiv entstand aus einer Collage aus über 2000 kleinen Einzelbildern, die von Merkel-Unterstützern online eingereicht worden waren. Die CDU nutzte hier, wie auch schon für ein Riesenplakat 2009, ihre Onlinekanäle, um Unterstützer dazu zu mobilisieren ihre Unterstützung für Angela Merkel offline sichtbar zu machen. Der offensive Umgang der Partei mit der oft verspotteten, aber eindeutig mit Angela Merkel verbunden ikonenhaften Geste generierte zahlreiche Medienberichte und führte auch online zu heftigen Diskussionen und Anschlussprojekten – wie dem Tumblrblog „Merkel-Raute“. Das Internet diente also hier klar zu der Mobilisierung für ein klassisches Offline-Kampagnenelement und der erfolgreichen Bündelung von Medienaufmerksamkeit.

Kampagnen als Produzenten alternativer Medienangebote
Zusätzlich boten die Parteien auf ihren Internetangeboten zunehmend Alternativen zu dem Angebot traditioneller Medien. Die CDU betonte in diesem Wahlkampf mit CDU-TV, noch deutlich stärker als 2009, die Produktion von Online-Videos. Die Partei richtete ein eigenes Studio in der Parteizentrale ein mit dem die schnelle Produktion von kampagnenbegleitenden Videos möglich wurde. Die CDU nutzte CDU-TV auch dafür, um vor und nach dem Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück ein auf der Webseite live gestreamtes Informationsangebot bereit zu stellen. Mit diesem Rahmenprogramm bot die Kampagne also ein alternatives Medienangebot und ergänzte damit die Berichterstattung klassischer Medien.

Auch die SPD und Bündnis 90/Die Grünen nutzten ihre Internetangebote, um ihren Unterstützern Informationen und Kampagnennarrativen zu bieten, die in den traditionellen Medien keinen Platz fanden. Für beide Parteien war diese Funktion ihrer Internetangebote besonders wichtig, da es ihnen vor allem in den letzten Wochen schwer fiel, ihre Kampagnenthemen in den Medien zu platzieren. Die SPD nutze ein Webseitendesign, das stark an Nachrichtenportalen traditioneller Medien orientiert war, um dort redaktionell betreute Inhalte zu veröffentlichen. Während der letzten drei Tage der Kampagne war auf der Webseite ein Livestream aus der Parteizentrale eingebunden, den Mitarbeiter der Kampagne moderierten. Unter dem Titel #72hspd wurden hier Interviews mit Politikern der SPD geführt, Kampagnenelemente in Interviews und Videoeinspielern vorgestellt und live zu Veranstaltungen von Peer Steinbrück vor Ort im Wahlkampf geschaltet.

Die Grünen boten auf ihrer Webseite gezielt gestaltete Klickstrecken, in denen Nutzer in zwei Minuten durch Kernelemente des Grünen Wahlprogramms geführt wurden. Hiermit bot die Partei eine nutzerfreundlich gestaltete Schneise durch ihre Wahlprogramm und versuchte inhaltliche Schwerpunkte zu legen, die in der Berichterstattung traditioneller Medien ignoriert wurden.

Die Masse und zielgruppengerechte Schaltung von Onlinewerbung für Parteiseiten wurde im Wahlkampf 2013 im Vergleich zu 2009 ebenfalls gesteigert. Um ihre Angebote in der letzten Phase des Wahlkampfs sichtbar zu machen setzten die Parteien auch auf großflächige Bannerwerbung auf populären Internetportalen, um so den Filterprozess traditioneller Medien zu umgehen.

Das Internet als Ressourcenquelle für Kampagnen
Die starke Bedeutung des Internets in US-Kampagnen ist direkt mit der Menge an Spenden verbunden, die über das Internet gesammelt werden können. Für Kampagnen in den USA ist das Internet in erster Linie ein Mittel, um finanzielle und personelle Ressourcen für die Kampagne zu gewinnen und effektiv einzusetzen. Die, gerne und beständig in Deutschland diskutierte, Rolle des Internets als Dialogmedium ist für den Bedeutungsgewinn digitaler Werkzeuge in US-Kampagnen dagegen allenfalls zweitrangig. In Deutschland gelang es bisher keiner Kampagne, das Internet in ähnlich zentraler Art zu nutzen. Es ist also auch kein Wunder, dass – zumindest bisher – dem Internet in deutschen Kampagnen eine eher untergeordnete Rolle bei Kampagnenplanung und Kampagnendurchführung zugeordnet wird. Zwei Entwicklungen im Bundestagswahlkampf 2013 deuten hier jedoch auf eine mögliche Trendwende hin.

Die Unterstützerplattformen der Parteien
Der Wahlkampf 2013 war durch eine eindeutige Weiterentwicklung der Nutzung von Unterstützerplattformen durch die Parteien gekennzeichnet. Verschiedene Parteien hatten ihren Unterstützern bereits in vorangegangenen Bundestagswahlkämpfen Online-Plattformen zur Verfügung gestellt, die teilweise auch in diesem Wahlkampf wieder genutzt wurden: teAM Deuschland (CDU), wahlkampf09 (SPD) oder das Wurzelwerk (Bündnis 90/Die Grünen) waren in der Vergangenheit von Kampagnen so gestaltet worden, dass Parteimitglieder und Unterstützer sich für Arbeit in Wahlkreisen absprechen konnten und zusätzlich die Möglichkeit hatten, sich auf Foren über den Kampagnenverlauf und aktuelle Themen auszutauschen. Im Wahlkampf 2013 entwickelte die SPD dieses Konzept mit den Plattformen MITMACHEN.SPD und KAMPA.NETZ einen deutlichen Schritt weiter.

Diese Weiterentwicklung lag in dem Grad, in dem beide Plattformen von der Kampagne genutzt wurden, um den Wahlkampf vor Ort und in der Zentrale zu unterstützen und messbar zu machen. Dies betraf den – von der SPD in diesem Wahlkampf stark betonten – Tür-zu-Tür Wahlkampf in den Wahlkreisen und die Evaluation des laufenden Wahlkampfs durch die Parteizentrale. Wichtig hierbei ist, dass es die Kampagne nicht dabei beließ, diese Plattformen zu entwickeln und zu hoffen, dass ihre Unterstützer schon irgendwie erahnen würden, wie die Plattform effektiv für ihren Wahlkampf zu nutzen war. Neben der Entwicklung der Plattformen investierte die Partei in das Training ihrer Unterstützer vor Ort. Die SPD entwickelte also digitale Werkzeuge und kampagneninterne Prozesse, die Hand-in-Hand gingen. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass es hier zu einer immer engeren Verzahnung von Online-Werkzeugen und traditionellen Kampagnenelementen kommt. Eine Verzahnung deren volles Gewicht vielleicht noch nicht in diesem Wahlkampf sichtbar war aber großes Potential hat wenn sie in kommenden Wahlkämpfen weiter verfolgt wird.

Spendensammeln im Internet
Zusätzlich zeigte der Wahlkampf 2013, dass es auch in Deutschland Parteien zunehmend gelingt, über das Internet Spenden zu sammeln. Im Vergleich zu den USA nutzen Kampagnen in Deutschland das Internet sehr viel schwächer zum aktiven Einwerben von Spenden. In vergangen Wahlkämpfen gelang es einzelnen Kampagnen vor allem Plakatspenden über das Internet zu sammeln. Ein Beispiel hierfür sind Bündnis 90/Die Grünen, denen im Bundestagswahlkampf 2009 Plakate im Wert von fast einer Viertelmillion Euro gespendet wurden. 2013 konnten sie diesen Betrag sogar noch etwas steigern. In diesem Wahlkampf gingen bei den Grünen Spenden für Plakate, Ganzsäulen und Kinospots im Wert von 270.000 Euro ein. Gerade für eine kleine Partei wie Die Grünen führten diese Plakate zu einer deutlich erhöhten Sichtbarkeit im Straßenbild, die ohne diese durch digitale Werkzeuge eingeworbenen und koordinierten Spenden aus dem Kampagnenbudget nicht finanzierbar gewesen wäre.

Im Wahlkampf 2013 gelang es der Alternative für Deutschland nach eigenen Angaben innerhalb von 48 Stunden 432.761 Euro einzuwerben. Nicht das gesamte Spendenvolumen dürfte online eingegangen sein, allerdings ist davon auszugehen, dass die starke Bewerbung der Aktion über unterschiedliche Online-Kanäle der Partei zu diesem Spendenerfolg geführt hat. Dieses Beispiel ist interessant, da die AfD, trotz ihrer starken Präsenz in Sozialen Netzwerken und Kommentarspalten von Nachrichtenplattformen während des Bundestagswahlkampfes, keine Partei ist, deren thematischen Wurzeln im Internet zu suchen sind.

Digitale Symbole von Kampagnenmomentum und Kandidateneigenschaften
Parteien und Politiker nutzen das Internet auch zunehmend, um das Momentum ihrer Kampagnen zu illustrieren. Am offensichtlichsten geschieht dies im Vergleich von Metriken der Social-Media Profile von Politikern durch Medien. In dieser Berichterstattung über das digitale Horse-Race einer Kampagne konzentrieren sich Medien auf den Vergleich von Freundes-/Fanzahlen zwischen Politikerprofilen oder Metriken ihrer Interaktionsraten. Der eigentliche Vergleich dieser Metriken mag wenig Informationen über den Kampagnenverlauf erhalten, in Erwartung der digitalen Horse-Race Berichterstattung der traditionellen Medien ist es jedoch rational, für politische Akteure auf die Entwicklung der Metriken ihrer Profile zu achten, diese zu dokumentieren und die für sie vorteilhaften Metriken offensiv nach außen zu kommunizieren.

Zusätzlich organisierten die Parteien im Bundestagswahlkampf 2013 verschiedene Aktionen, die ihre Nähe zu digitalen Werkzeugen und ihr Verständnis des Internets symbolisieren sollten. Wahlkampfaktionen wie Angela Merkels Teletownhall oder Peer Steinbrücks Twitter-Townhall richteten sich nicht in erster Linie an die Nutzer mit denen die Spitzenpolitiker während der Aktionen interagierten. Stattdessen ist das Ziel solcher Aktionen, positive Medienberichterstattung auszulösen, die den Spitzenpolitiker beim Interagieren mit Bürgern über digitale Kanäle zeigt. Auch prominente Reden – wie Steinbrücks Rede auf der Cebit – und Personalien – wie Gesche Joosts Berufung in das Kompetenzteam von Peer Steinbrück – waren symbolische Handlungen, die Bedeutung netzpolitischer Themen in Kampagnen symbolisieren sollten und Journalisten Anknüpfungspunkte für positive Berichterstattung bieten sollten.

Das Internet in den Kampagnen von Abgeordneten
Neben den Kampagnen der Parteien und den Spitzenkandidaten nutzte auch eine große Zahl von Spitzenpolitikern und „normalen“ Kandidaten ihre Webseiten und Profile auf Social-Media Plattformen im Wahlkampf. Obwohl es in allen Parteien Beispiele für Kandidaten gibt, die das Internet prominent in ihren Kampagnen einsetzten, ist es zur Zeit noch nicht möglich, die tatsächliche Bedeutung des Internets für den Erfolg einzelner Kandidaten einzuschätzen. Hierfür fehlen eine umfassende Dokumentation ihrer Internetaktivitäten und detaillierte Fallstudien über die Einbindung digitaler Werkzeuge in lokalen Kampagnen. Besonders interessant wäre es zu wissen, in welchem Ausmaß das Internet von Kandidaten genutzt wird, um persönlich Spenden zu sammeln und welchen Umfang diese Spenden ausmachen. Erst eine transparente Diskussion der bisherigen Nutzung und bisheriger Erfolge erlaubt die seriöse Einschätzung der Potentiale des Internets für die Kampagnen von Wahlkreiskandidaten.

Das Internet als Arbeitswerkzeug
Ähnlich wenig beachtet ist bisher die Nutzung digitaler Werkzeuge im Arbeitsalltag politischer Kampagnen. Jeder Wahlkampfzyklus wird durch die Diskussion der vermuteten Potentiale des neuesten Internetdiensts dominiert. Dies birgt die Gefahr, dass die Bedeutung unspektakulärer digitaler Werkzeuge für den Kampagnenalltag unterschätzt wird. Ein wichtiges Element, das in der deutschen Diskussion der Rolle in Wahlkämpfen noch immer unterschätzt wird, sind die E-Mail-Verteiler der Parteien. Ein systematischer Vergleich, wie unterschiedliche Parteien ihre Verteiler zur Information und Mobilisierung von Unterstützern oder zum Sammeln von Spenden nutzen, fehlt bis heute. Vernachlässigt wird aber auch die Nutzung von E-Mails, Google oder geschlossene Facebook-Gruppen, die inzwischen derart in der täglichen Kampagnenarbeit integriert sind, dass eine Arbeit ohne sie schwer vorstellbar ist. Hinzu kommt die Nutzung der von den Parteien bereit gestellten internen Diskussions- und Arbeitsplattformen – CDUplus, KAMPA.NETZ oder Wurzelwerk. Ohne detaillierte Fallstudien über die Nutzung dieser Plattformen oder die Analyse von Nutzungsdaten fällt es schwer, ihre tatsächliche Bedeutung für die Kampagnen einzuschätzen. Dennoch deuten die regelmäßigen Investitionen von verschiedenen Parteien in diese Werkzeuge darauf hin, dass sie intern als wichtig eingeschätzt werden.

Perspektive: Innovation der Organisationsprozesse nicht bloß der Werkzeuge
Die effektive Nutzung des Internets in Wahlkämpfen geht weit über die Nutzung und Entwicklung digitaler Werkzeuge hinaus. Kampagnen müssen ihre Organisationsabläufe anpassen, dass digitale Werkzeuge so zentral in der Kampagnenführung gedacht werden wie Organisation, politisches Marketing und Medienarbeit. Der Bundestagswahlkampf 2013 zeigt Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass dieser Prozess auch in deutschen Parteien voranschreitet. Die kommenden Wahlkämpfe werden zeigen, mit welcher Konsequenz die Parteien angestoßene Entwicklungen fortsetzen. Es geht hier ganz klar nicht bloß darum welche digitalen Werkzeuge sich eine Partei einkauft und in ihrer Kampagne nutzt. Stattdessen kommt es für Parteien darauf an, Prozesse zu etablieren und an die Basis zu vermitteln, die digitale Werkzeuge und ihren Output im Kampagnen- und Parteialltag integrieren. Dies erfordert einen Wandlungsprozess darin wie Parteien über Wahlkämpfe denken und Wahlkämpfe in der Fläche führen.

Dieser Prozess wird wahrscheinlich den Parteien am leichtesten fallen, die in der vergangenen Bundestagswahl mit ihrem Ergebnis hinter ihren Erwartungen zurück geblieben sind. Hier besteht unter Umständen stärkere Bereitschaft, mit dem Internet zu experimentieren. Im Kern nutzen fast alle Parteien bereits digitale Werkzeuge für das Sammeln von Spenden, die Koordination von Freiwilligen und als Raum für die partei- und kampagneninterne Diskussion. Dennoch gibt es Unterschiede darin, wie diese Werkzeuge oder die Ergebnisse von Online-Diskussionen, in den Partei- und Kampagnenalltag eingebunden werden. Dieser Einbindungsprozess ist schwierig, da es hierfür keine Patentlösung gibt und Parteiakteure unter Umständen Einfluss aufgeben müssen. Parteien, deren Kampagnenführung als erfolgreich wahrgenommen wird, haben es in der Regel schwerer diesen Prozess anzustoßen und durchzuhalten. Parteien in denen Änderungsdruck allen Beteiligten bewusst ist haben es hier etwas leichter.

Vorsprünge, die sich Parteien in den kommenden Jahren erarbeiten, werden voraussichtlich in den Organisationsprozessen liegen mit denen Parteien die Entwicklung digitaler Infrastruktur verfolgen und digitale Werkzeuge im Partei- und Kampagnenalltag nutzen. Diese Lernprozesse lassen sich nicht dadurch überspringen, dass Kampagnen externe Berater, neue digitale Werkzeuge oder Datenbanken einkaufen. Diese Lernprozesse müssen auf jeder Ebene der Partei- und Kampagnenorganisation stattfinden. Der Vorsprung den sich Parteien vor ihren politischen Mitbewerbern in diesem Lernprozess erarbeiten wird in aller Wahrscheinlichkeit über mehrere Wahlkampfzyklen anhalten. Umso wichtiger ist es für alle Parteien, die Lernprozesse, die sie für den Bundestagswahlkampf 2013 durchlaufen haben zu dokumentieren, in ihrer Organisation zu vermitteln und in den kommenden Wahlkämpfen konsequent auszubauen.

Andreas Jungherr. 2014. “Die Rolle des Internets in den Kampagnen der Parteien zur Bundestagswahl 2013”. In Jahrbuch Netzpolitik 2013, Markus Beckedahl (Hrsg.). newthinking.org: Berlin.

Neuer Artikel: Die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen

Heute ist in der Zeitschrift für Politikberatung ein Artikel von mir zur Nutzung des Internets in deutschen Wahlkämpfen erschienen. Hier das Abstract und der Link zu einem Preprint:

Die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen

Abstract
Um die Potentiale des Internets für Wahlkämpfer in Deutschland zu verstehen, ist es notwendig, differenziert über die Funktionen des Internets für politische Kampagnen nachzudenken. Hierbei bietet sich die Analyse von drei Funktionsweisen an:

    1. Internetdienste als Werkzeuge, um die Sichtbarkeit politischer Akteure und ihrer Inhalte im Informationsraum Internet zu gewährleisten;
    2. Die Unterstützung der Infrastruktur einer politischen Kampagne durch digitale Werkzeuge und das Internet;
    3. Die symbolische Sichtbarmachung von politischer Unterstützung und des Momentums von Kampagnen und die damit verbundene Möglichkeit, darauf folgender Berichterstattung traditioneller Medien.

Die Potentiale dieser Funktionsweisen sind jeweils abhängig von den spezifischen politischen, rechtlichen, kulturellen und historischen Kontexten in denen Kampagnen und Kandidaten agieren. Sie können sich je nach Kandidat, Partei oder Land unterscheiden. In dem vorliegenden Artikel werden diese Funktionen des Internets für politische Kampagnen an den Beispielen der Präsidentschaftskampagnen Barack Obamas und deutscher Wahlkämpfe diskutiert.

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Andreas Jungherr. 2013. “Die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen.” Zeitschrift für Politikberatung 2/2013. S.91-95.