Tag Obama

Die Rolle von Experimenten, Daten und vernetztem Lernen in den Kampagnen Barack Obamas

Jede politische Kampagne steht vor der gleichen Frage: Wie motiviere ich potentielle Wähler zur Wahl und wie gelingt mir dies mit Budgets weit unter denen vergleichbarer Kampagnen in der Produktwerbung? Die Präsidentschaftskampagnen Barack Obamas in 2008 und 2012 bieten deutschen Wahlkämpfern interessante Ansätze wie mit dieser Frage umgegangen werden kann.

Obamas Beispiel zeigt wie Kampagnen daran arbeiten, Kampagnenkontakte möglichst präzise auf Wählergruppen zu beschränken, die tatsächlich zur „richtigen“ Wahl bewegt werden können; wie Kampagnen die Effektivität unterschiedlicher Kampagnenmittel im Hinblick auf ihre durchschnittlichen Mobilisierungschancen und –kosten testen; und wie Kampagnen ihre Erkenntnisse in einem breiten Netzwerk von politisch befreundeter Organisationen teilen und so die Grundlage für einen gemeinsamen Lernprozess legen.

Die Identifikation potentieller Wähler
Im Wahlkampf geht es für Kandidaten und Parteien darum, potentielle Wähler davon zu überzeugen zur Wahl zu gehen. Es geht nicht darum, Menschen mit abweichenden politischen Überzeugungen von eigenen Positionen zu überzeugen. Dieses Verständnis von Wahlkampf ist besonders in den USA verbreitet. Es führt dazu, dass Kampagnen sich auf potentielle Wähler zu konzentrieren versuchen, die ihrem soziodemografischen und ökonomisch Status und ihren weltanschaulichen Einstellungen nach eher den Unterstützern einer Partei zugerechnet werden können. Menschen, die nach diesen Variablen eher zu Unterstützern anderer Parteien zählen könnten werden in der Mobilisierungsarbeit bewusst ignoriert. Dadurch versuchen Kampagnen am Wahltag die Zahl der aus ihrer Sicht „richtigen“ Wähler zu erhöhen.

Die Geschichte des Wahlkampfs in den USA ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts durch eine immer feingliedrigere Identifizierung potentieller Wählergruppen geprägt. In den siebziger Jahren klassifizierten Wahlkämpfer potentielle Wähler auf Basis ihrer Adressen. In den Neunzigern sprach Mark Penn, Chefstatistiker der Clintons, davon, potentielle Wähler durch ihr Konsumverhalten oder ihre Zugehörigkeit in gesellschaftlichen Kleingruppen—den berühmten Soccer-Moms—identifizieren zu können. Diese immer kleinteiligere Identifizierung potentieller Wähler hat ihren vorläufigen Höhepunkt in der datenbankgestützten Ansprache von Wählern mit Hilfe statistischer Modelle gefunden.

Die Obama-Kampagne nutzte in den Wahlkämpfen 2008 und 2012 unterschiedliche Datenbanken. Den Kern des Datenbestands wurde seit 2005 von der Demokratischen Partei in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Firmen entwickelt. Diese Datenbank umfasst Informationen über jeden amerikanischen Wahlberechtigten, die öffentlich in Wählerregistern amerikanischer Bundesstaaten verfügbar sind. In der Regel sind dies: Name, Alter, Geschlecht, Rassenzugehörigkeit und Adresse. Zusätzlich wurde dokumentiert, ob sich Wahlberechtigte für die Vorwahlen einer Partei registriert hatten. Ergänzend dokumentierte die Datenbank Kampagnenkontakte aus unterschiedlichen Wahlkämpfen. Wurde ein Wahlberechtiger zum Beispiel 2008 durch einen Freiwilligen angerufen und hatte auf die Frage nach seiner Wahlabsicht geantwortet so konnte die Obama-Kampagne 2012 auf diese Information zugreifen. Auf Basis dieser Informationen entwickelte die Kampagne zwei Rankingkennzahlen für alle Wahlberechtigten: die Wahrscheinlichkeit, an der Wahl teilzunehmen und die Wahrscheinlichkeit, Barack Obama zu wählen. Diese Datenbank mit Informationen über das zu erwartende Wahlverhalten wurde von der Obama-Kampagne mit verschiedenen kommerziell verfügbaren Datenbanken ergänzt, die personenbezogene Daten—zum Beispiel in Bezug auf Konsumverhalten oder Mediennutzung—enthielten. Die Obama-Kampagne versuchte so mit Hilfe von statistischen Modellen unter den Wahlberechtigten, über die sie keine politischen Informationen hatte, diejenigen zu identifizieren, die für sie interessant waren. Den Wahlberechtigten denen statistische Modelle auf dieser Datenbasis ein für die Kampagne vielversprechendes Ranking zugeschrieben hatten wurden dann durch die Kampagne kontaktiert. Dies geschah entweder durch personalisierte Postsendungen, Anrufe und Hausbesuche durch Freiwillige, die sie zur Wahlbeteiligung aufriefen.

Heißt dies nun, dass die Obama-Kampagne das Wahlverhalten aller Amerikaner kannte, tatsächlich nur mit potentiellen Wählern sprach und jeder der von ihnen Kontaktierten tatsächlich wählen ging? Natürlich nicht. Diese Selektion von Wahlberechtigten für den Kontakt durch die Kampagne basiert auf Wahrscheinlichkeiten. Wenn statistische Modelle einer Kampagne erlauben, die Zahl vergeblicher Kontakte zu reduzieren, dann heißt es nicht, dass ein Modell in der Lage wäre, menschliches Verhalten mit Sicherheit vorherzusagen. Praktisch heißt dies, die datenbankbasierte Ansprache führte für die Obama-Kampagne zu einer etwas kleineren Zahl vergeblicher Kontakte als die Selektion von Kontakten basierend auf älteren Verfahren. Die Kampagne konnte also ihre Zeit und Ressourcen auf potentiell interessante Ansprechpartner konzentrieren ohne jedoch Sicherheit über deren Verhalten oder politische Einstellungen zu haben. Dies scheint bei dem erheblichen finanziellen Aufwand vielleicht wie ein geringer Vorteil, vor dem Hintergrund von Wahlkämpfen, die immer häufiger durch knappe Siege in einzelnen Wahlkreisen entschieden werden erklärt sich jedoch die Bereitschaft politischer Kampagnen in jeden noch so kleinen Vorteil zu investieren.

Obamas Datenreichtum wurde in der deutschen Diskussion zwar immer wieder angesprochen aber auch sehr schnell als konsequenzlos für deutsche Wahlkämpfe eingeschätzt. Hierbei konzentrierte sich die Diskussion immer wieder auf die von Obama eingekauften Datensätze, nicht auf die durch Kampagnen der Demokraten über Jahre selbst erhobenen Datensätze. Es stimmt natürlich, das deutsche Datenschutzrecht macht den Einkauf von Datensätzen für Parteien unpraktikabel. Auf der anderen Seite hindert deutsche Parteien niemand daran, ihre Mitgliederbasis mit einer technischen Infrastruktur auszustatten über die sie Wählerkontakte in unterschiedlichen Kampagnen vor Ort datenschutzrechtlich konform dokumentieren kann. Um die Kampagnenführung in Deutschland zu präzisieren braucht es nicht Obamas komplizierte statistische Modelle, die einfache Dokumentation von Wählerkontakten würde Parteien schon deutlich in der Feinsteuerung ihrer Wahlkämpfe helfen.

Daten statt Expertenwissen
Zusätzlich zur datenbankbasierten Wähleransprache prüfte die Obama-Kampagne die Effektivität ihrer Kampagnenelemente in fortlaufenden quantitativen Evaluationen. Anstelle Ressourcen nach der Intuition einiger Experten einzusetzen, versuchte die Kampagne, Werkzeuge auf ihre Kosten und zu erwartenden Effekte zu testen. Besonders die Sammlung von Spenden und die Effektivität unterschiedlicher Arten der Wähleransprache wurden regelmäßig in Experimenten untersucht.

Am intensivsten testete die Obama-Kampagne das Sammeln von Spenden über das Internet. Die Kampagne verfügte über eine umfangreiche Liste von E-Mail Adressen von Nutzern, die sich auf der Kampagnenwebseite registriert hatten und aus anderen bereits bestehenden Verteilern. Diese Liste wurde regelmäßig durch die Kampagne angeschrieben. Die Kampagne untersuchte so, ob die Verwendung unterschiedlicher Betreffzeilen, Textbausteinen und Absender Effekte auf das von einer E-Mail generierte Spendenaufkommen hatten. Hierzu sendete die Kampagne E-Mails, in denen einzelne Elemente gezielt variiert wurden, an zufällige Ausschnitte ihrer E-Mail-Liste und verglich die daraufhin eingehenden Spenden mit Gruppen, denen andere E-Mail-Variationen zugeschickt worden waren.

Besonders intensiv experimentierte die Kampagne auch mit Beträgen, die sie in E-Mails und auf ihrer Webseite als Einstiegsspenden festlegten. Spendeten Adressaten des Aufrufs häufiger wenn der in der E-Mail vorgeschlagene Mindestbetrag bei $5 oder $10 lag? Durch solche Experimente konnte die Kampagne gezielt die Ansprache ihrer Unterstützer über E-Mails optimieren und damit die finanziellen Ressourcen der Kampagne steigern.

Auch die direkte Ansprache von Wählern durch Briefsendungen, Telefonanrufe und Hausbesuche wird in U.S.-Kampagnen regelmäßig im Hinblick auf ihr Mobilisierungspotential pro Kontakt getestet. Sogenannte Cost-per-Vote Analysen sollten lediglich als grobe Richtungswerte interpretiert werden, aber sie unterstützen Kampagnenplaner dabei, Ressourcen gezielt einzusetzen. Ähnliche Experimente zur Evaluation von Kampagnenwerkzeugen sind auch in Deutschland denkbar.

Lernen im Netzwerk
U.S.-Präsidentschaftskampagnen finden in regelmäßigen Zyklen alle vier Jahre statt. Das Verhalten von Menschen und die Effektivität von Kampagnenansprachearten ändern sich jedoch potentiell ständig. Mobilisierungsarten von Kampagnen mögen also in bestimmten Wahlkämpfen erfolgreich sein und in anderen versagen. Um möglichst aktuelle Erkenntnisse über die Effekte unterschiedlicher Ansprachearten auf unterschiedliche Gesellschaftsgruppen zu gewinnen, haben sich Kampagnen demokratischer Kandidaten und Berater befreundeter Organisationen—wie zum Beispiel Gewerkschaften oder zivilgesellschaftlichen Organisationen—in informellen Netzwerken organisiert, um sich so über aktuelle Erkenntnisse auszutauschen und Freiwillige auch zwischen Präsidentschaftswahlen in unterschiedlichen Mobilisierungstaktiken zu schulen. Die Veränderungen in der Wahlkampfdurchführung und -organisation der Obama-Kampagne gehen also weit über einen spezifischen Kandidaten oder die Wahlkampfzyklen 2008 und 2012 hinaus. Sie sind fest in der Kampagnenkultur der demokratischen Partei verankert.

Worin besteht also die tatsächliche Lektion von Obamas Kampagnenerfolge? Das Wissen über die Mechanismen, Effekte und Kosten einzelner Kampagnenwerkzeuge lässt sich am besten in einem fortwährenden Lern- und Evaluationsprozess innerhalb eines Netzwerkes von Organisationen mit geteilten Zielen entwickeln. Hierfür sind die Kontextbedingungen amerikanischer Kampagnen—große Budgets, umfangreiche Datenbanken und ein schwaches Datenschutzrecht—zwar hilfreich aber nicht notwendig. Tatsächlich braucht es allerdings den politischen Willen innerhalb einer Organisation. Jene politische Organisation, der es als ersten gelingt in Deutschland einen vergleichbaren Lernprozess zu entwickeln wird für die kommenden Wahlkampfzyklen einen klaren Vorteil in der Planung und Durchführung politischer Kampagnen haben, da sie in der Lage sein wird ihre Zeit und Ressourcen effektiver auf für die Kampagne interessante Wählergruppen zu konzentrieren.

Ein glücklicher Umstand für deutsche Kampagnenmacher ist, dass die Obama-Kampagnen 2008 und 2012 wohl zu den am besten dokumentierten Wahlkampagnen der jüngeren Vergangenheit gehören und damit mehr als genug Ansatzpunkte bestehen, um die Entscheidungen der Kampagne nachzuvollziehen und gegebenenfalls für den eigenen Kampagnenkontext zu adaptieren. Anbei einige hilfreiche Quellen:

Organisationskultur und Nutzung von Experimenten:

  • Mobilisierung:

  • Technologische Innovationen:

  • Interview bei CICERO Online zur Rolle des Internets im Wahlkampf

    In einem Interview mit Cicero Online habe ich heute noch einmal über die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen gesprochen.

    Eine der Kernaussagen betrifft die Art wie wir in Deutschland die Rolle des Internets in Kampagnen diskutieren:

    Die öffentliche Debatte über die Rolle des Internets ist in Deutschland noch immer viel zu provinziell. Auf der einen Seite haben wir Berater, die das Thema hochjubeln und übersteigerte Erwartungen wecken, auf der anderen Seite Journalisten, die es kaputtschreiben. Beide Gruppen schauen auf die USA und sind enttäuscht, wenn ihre Wahrnehmung der Rolle des Internets im US-Wahlkampf so in Deutschland nicht umgesetzt wird. Dadurch vernachlässigen wir in der öffentlichen Diskussion leider die tatsächlichen Funktionen, die das Internet für Parteien und Kandidaten in Deutschland erfüllt.

    Eine andere Frage bezog sich darauf was man in Deutschland aus dem US-Wahlkampf lernen kann:

    (…) hierzulande verlässt man sich im Online-Wahlkampf noch zu sehr auf anekdotisches Expertenwissen. Die Amerikaner versuchen sehr viel stärker, entscheidende Elemente der Kampagnenführung messbar zu machen. Sie probieren viel mehr aus, beobachten genau, welche Methoden funktionieren und passen sich dann an. Dieses datengestützte, analytische Vorgehen könnte man auch in Deutschland mit großem Gewinn umsetzen.

    Andreas Jungherr im Interview mit Merle Schmalenbach: Wahlkampf Online: Die Wahl wird nicht im Internet entschieden. CICERO Online. 20/09/2013.

    Neuer Artikel: Die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen

    Heute ist in der Zeitschrift für Politikberatung ein Artikel von mir zur Nutzung des Internets in deutschen Wahlkämpfen erschienen. Hier das Abstract und der Link zu einem Preprint:

    Die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen

    Abstract
    Um die Potentiale des Internets für Wahlkämpfer in Deutschland zu verstehen, ist es notwendig, differenziert über die Funktionen des Internets für politische Kampagnen nachzudenken. Hierbei bietet sich die Analyse von drei Funktionsweisen an:

      1. Internetdienste als Werkzeuge, um die Sichtbarkeit politischer Akteure und ihrer Inhalte im Informationsraum Internet zu gewährleisten;
      2. Die Unterstützung der Infrastruktur einer politischen Kampagne durch digitale Werkzeuge und das Internet;
      3. Die symbolische Sichtbarmachung von politischer Unterstützung und des Momentums von Kampagnen und die damit verbundene Möglichkeit, darauf folgender Berichterstattung traditioneller Medien.

    Die Potentiale dieser Funktionsweisen sind jeweils abhängig von den spezifischen politischen, rechtlichen, kulturellen und historischen Kontexten in denen Kampagnen und Kandidaten agieren. Sie können sich je nach Kandidat, Partei oder Land unterscheiden. In dem vorliegenden Artikel werden diese Funktionen des Internets für politische Kampagnen an den Beispielen der Präsidentschaftskampagnen Barack Obamas und deutscher Wahlkämpfe diskutiert.

    Preprint

    Andreas Jungherr. 2013. “Die Rolle des Internets in deutschen Wahlkämpfen.” Zeitschrift für Politikberatung 2/2013. S.91-95.

    Das Internet im Wahlkampf: Vortrag

    Vor kurzem hielt ich im Rahmen der Vortragsreihe “Internet & Society” einen Vortrag an der Universität Göttingen über die Rolle des Internets in Wahlkämpfen. Eine Videoaufzeichnung des Vortrags gibt es inzwischen online:

    Hier noch einmal das Abstract zum Thema des Vortrags:

    Das Internet im Wahlkampf: Beispiele zu Kampagnenfunktionen und Wirkungsmechanismen aus den USA und Deutschland

    Die aktuelle Diskussion über die Rolle des Internets in Wahlkämpfen beschränkt sich in der Regel darauf, die erfolgreiche Nutzung des Internets in den Wahlkämpfen Barack Obamas mit der weniger erfolgreichen Nutzung des Internets in Wahlkämpfen von Kandidaten in anderen politischen, rechtlichen, kulturellen und historischen Kontexten zu vergleichen. Dieser Vergleich, den man als Amerikanisierung 2.0 bezeichnen könnte, verstellt jedoch den Blick auf die tatsächlichen Potentiale des Internets für Kampagnen außerhalb der USA, da die Vergleichskategorie – Erfolg im Internet – zu stark von spezifischen Rahmenbedingungen der Obama-Kampagnen in den USA der Jahre 2008 und 2012 abhängt.

    Um die Potentiale des Internets für Wahlkämpfer in Deutschland zu verstehen, ist es notwendig differenziert über die Funktionen des Internets für politische Kampagnen nachzudenken. Hierbei bietet sich die Analyse von drei Funktionsweisen an:

    1. Internetdienste als Werkzeuge, um die Sichtbarkeit des politischen Akteurs und seiner Inhalte im Informationsraum Internet zu unterstützen;
    2. Die Unterstützung der Infrastruktur einer politischen Kampagne durch digitale Werkzeuge und das Internet;
    3. Die symbolische Sichtbarmachung von politischer Unterstützung und des Momentums von Kampagnen und die damit verbundene Möglichkeit, darauf folgender Berichterstattung traditioneller Medien.

    Die Potentiale dieser Funktionsweisen sind jeweils abhängig von den spezifischen politischen, rechtlichen, kulturellen und historischen Kontexten in denen Kampagnen und Kandidaten agieren. Sie können sich je nach Kandidat, Partei oder Land unterscheiden. In dem folgenden Vortrag werden diese Funktionen des Internets für politische Kampagnen an den Beispielen der Präsidentschaftskampagnen Barack Obamas und deutscher Wahlkämpfe diskutiert.

    Vortrag in Göttingen: Das Internet im Wahlkampf: Beispiele zu Kampagnenfunktionen und Wirkungsmechanismen aus den USA und Deutschland

    Im Rahmen der Vorlesungsreihe “Internet & Society” halt ich am kommenden Montag einen Vortrag in Göttingen über die Rolle des Internets in Wahlkämpfen. Anbei das Abstract:

    Das Internet im Wahlkampf: Beispiele zu Kampagnenfunktionen und Wirkungsmechanismen aus den USA und Deutschland

    Die aktuelle Diskussion über die Rolle des Internets in Wahlkämpfen beschränkt sich in der Regel darauf, die erfolgreiche Nutzung des Internets in den Wahlkämpfen Barack Obamas mit der weniger erfolgreichen Nutzung des Internets in Wahlkämpfen von Kandidaten in anderen politischen, rechtlichen, kulturellen und historischen Kontexten zu vergleichen. Dieser Vergleich, den man als Amerikanisierung 2.0 bezeichnen könnte, verstellt jedoch den Blick auf die tatsächlichen Potentiale des Internets für Kampagnen außerhalb der USA, da die Vergleichskategorie – Erfolg im Internet – zu stark von spezifischen Rahmenbedingungen der Obama-Kampagnen in den USA der Jahre 2008 und 2012 abhängt.

    Um die Potentiale des Internets für Wahlkämpfer in Deutschland zu verstehen, ist es notwendig differenziert über die Funktionen des Internets für politische Kampagnen nachzudenken. Hierbei bietet sich die Analyse von drei Funktionsweisen an:

    1. Internetdienste als Werkzeuge, um die Sichtbarkeit des politischen Akteurs und seiner Inhalte im Informationsraum Internet zu unterstützen;
    2. Die Unterstützung der Infrastruktur einer politischen Kampagne durch digitale Werkzeuge und das Internet;
    3. Die symbolische Sichtbarmachung von politischer Unterstützung und des Momentums von Kampagnen und die damit verbundene Möglichkeit, darauf folgender Berichterstattung traditioneller Medien.

    Die Potentiale dieser Funktionsweisen sind jeweils abhängig von den spezifischen politischen, rechtlichen, kulturellen und historischen Kontexten in denen Kampagnen und Kandidaten agieren. Sie können sich je nach Kandidat, Partei oder Land unterscheiden. In dem folgenden Vortrag werden diese Funktionen des Internets für politische Kampagnen an den Beispielen der Präsidentschaftskampagnen Barack Obamas und deutscher Wahlkämpfe diskutiert.

    Andreas Jungher. 2013. “Das Internet im Wahlkampf: Beispiele zu Kampagnenfunktionen und Wirkungsmechanismen aus den USA und Deutschland.” Lecture series “Internet & Society” 2013. Göttingen Centre for Digital Humanities, Georg-August-Universität Göttingen. Göttingen, Germany am 10 Juni.

    Technology in US-Campaigns: Readings

    The US-election has come and gone and suddenly seemingly everyone agrees that “data” is the next big thing in political campaigns. This is great for journalists. Now they can update their pieces on the 2008 Obama-campaign by simply replacing the words “Facebook” and “Social Media” by the words “data” and “databases”. It’s also great for consultants since they are suddenly awarded with a new transformative, disruptive, and definitely decisive tool to sell to their clients. As such this is nothing new. The “microtargeting revolution” of the 90s and the “social media revolution” of 2008 were sold the same way.

    So one could read the growing deluge of journalistic pieces on how Obama won with data with curiosity but reserved detachment:

    • Databases: been there done that
    • Campaigns buying data: only possible with the rather lax privacy regulation in the US
    • Campaigns collecting data: too expensive, would lead to public outcry in other countries
    • Campaigns using quantitative models: does not work without extensive databases
    • Volunteers knocking on doors: specific to the US-context does not work in other countries

    While some of these statements might have a point, they mistake new tools and campaign techniques for the true lesson of the US-campaign of 2012. The new tools and techniques used by the Obama-campaign are specific answers to a specific campaign context. As such they have probably little general applicability. But focusing on this means missing the bigger point: the innovations of the Obama campaign are rooted in the organisational culture of the campaign itself and the culture of its allies. This organisational culture holds important lessons for campaigns in different electoral, legal and cultural contexts. Ignoring these lessons means missing the bigger picture and just adopting a comfortable reading that justifies one’s business-as-usual approach.

    Two of these changes in the organisational culture are:

    • A quantitative turn in the selection, evaluation and interpretation of tried campaigning techniques off- and online
    • A heavy emphasis on the training of campaigning staff in campaigning techniques and skills by the campaign and its allies

    Both these trends have been identified and very well documented by scholars and practitioners alike. Still, there is the danger that these more nuanced accounts of the messy process of campaign innovation are ignored in favour of the breathless accounts of shiny new campaigning toys. If this happens this will lead to a boom-and-bust cycle for the use of “data” in campaigns that will resemble the hype surrounding the use of “social media” in campaigns.

    To put the discussion of the real innovations of the Obama-campaigns of 2008 and 2012 and their potential influences on the election results on a sounder footing a short list of texts by scholars and practitioners might prove helpful. Sure, an article in one’s favourite newspaper or magazine might be a quicker read, but – as argued above – in choosing these accounts one would more often than not sacrifice sound analysis for peace of mind.

    Background on political campaigns in the USA:

  • General analysis of the campaign 2008:

  • General analysis of the campaign 2012:

  • Organisational culture of Democratic campaigns and their allies:

  • Get out the Vote:

  • Technological Innovations:

  • [Update: 2012/11/13]
    Very good interview with Matthew Hindman on the role of the Internet in the US campaigns of 2012.

    [Update: 2012/11/14]
    Very helpful account of what is presently know about the analytical efforts of the Obama campaign by Lois Beckett.

  • Organisationskultur als tatsächliche Lektion der Obama-Kampagne für den deutschen Wahlkampf

    Die US-Wahl ist noch keine Woche vorbei und schon zeichnet sich ab, dass Innovationen der demokratischen Kampagnenführung in ihrer Bedeutung für den deutschen Wahlkampf wenig zielführend interpretiert werden: Anstelle die gezielte Wähler-Mobilisierung über große Datenbanken mit detaillierten Datensätzen als für Deutschland nicht durchführbar zu erklären (da Geld für den Aufbau der Datenbanken fehlt, bzw. es rechtlich für Parteien nicht möglich ist, vergleichbare Datensätze kommerziell einzukaufen) und es dabei zu belassen wäre es sinnvoller, sich zwei grundlegende Elemente demokratischer Kampagnen seit 2004 genauer anzusehen:

    1. Eine Veränderung der Kampagnenkultur weg von anekdotischem Expertenwissen hin zu quantitativ belegbaren Erkenntnissen durch die Nutzung von Experimenten in Kampagnen;

    und

    2. Die gezielte Ausbildung von Freiwilligen in praktischen Fragen der Kampagnenführung on- und offline durch verschiedene Organisationen aus dem Umfeld der demokratischen Partei (zB New Organizing Institute).

    Beide dieser Elemente haben die effektive Nutzung von Datenbanken und quantitativen Modellen für die gezielte Mobilisierung potentieller Unterstützer erst möglich gemacht und beide dieser Elemente wären ohne Weiteres auch in deutschen Kampagnen anwendbar. Es geht also nicht darum, ob spezifische Werkzeuge und Methoden der Obama-Kampagne in Deutschland verwendbar sind. Die Frage ist eher, ob wir aus der Organisationskultur der Kampagne und ihres Umfelds lernen können.