Category Writing and Presenting

Vier Thesen zu politischer Online-Partizipation anlässlich des Politcamp11

Nächste Woche ist mal wieder Zeit für das Politcamp, diesmal in Bonn. Am kommenden Sonntag werde ich auf dem von Alexander Kurz moderierten Panel “Partizipation und Community Management. Nutzen Parteien den Rückkanal?” mit Tobias Nehren, Jürgen Ertelt und Julius van de Laar über die Netzaktivitäten der deutschen Parteien diskutieren. Nachdem Cem Basman bereits mit einem Panel-Vorschlag für das Barcamp vorgelegt hat möchte ich in Anlehnung an Mathias Richels steile Thesen zum letzten Politcamp die Diskussion mit den folgenden vier nicht ganz so steilen Thesen starten. Hierfür noch einmal, leicht paraphrasiert, die Leitfragen des Panels:

Warum entstehen die sichtbarsten politischen Online-Initiativen in Deutschland nicht in den Parteizentralen sondern dezentral? Kann man daraus auf ein Versagen der Parteien im Netz schliessen?

These 1: Erfolge von Online Initiativen können als Ergebnisse eines politische Seismographen gelesen werden

Im Internet drehen sich Konversationen nicht um Organisationen sondern um Personen, Objekte oder Themen. Wenn politische Kampagnen im Netz Geschwindigkeit gewinnen, dann geschieht dies häufig in bereits bestehenden Interessen-Communities (z.B. in der Kommentarspalte eines Blogs) oder in den privaten Netzwerken von Betroffenen. Häufig werden Menschen online spontan politisch aktiv, die ansonsten mit Politik nicht viel zu tun haben. Nicht langfristige Einbindung in politische Prozesse oder Organisationen motiviert sondern plötzliche Ereignisse oder Themen, die in den ansonsten unpolitischen Alltag einbrechen. Und so wird auf Kommunikationswegen dieses Alltags lautstark politische Zustimmung oder Ablehnung kommuniziert. So ist es auch kein Wunder, dass im Netz erfolgreich ist was routinierte Berufspolitiker und Hauptstadtjournalisten spontan erst einmal als Nichtthemen einordnen würden. Einige Beispiele: Netzsperren-Petition, Yeaahh-Flashmobs, My-Gauck, S21 Gegner, GuttenPlag Wiki, zu Guttenberg Unterstützer.

Diese Initiativen entstanden neben dem üblichen politischen Prozess und ihr Erfolg war in der Regel sowohl für Politiker, Medien als auch häufig für die Initiatoren selbst überraschend. Auch wenn einige dieser Initiativen im Umfeld von Parteien entstanden oder nach Anfangserfolgen von etablierten Parteien und Politikern unterstützt wurden, ist das nicht der Grund für ihren Erfolg. Stattdessen sprachen diese Initiativen Themen an, die durch den politischen Betrieb vernachlässigt wurden, die aber die Unterstützer der Initiativen für wichtig hielten. Der Erfolg einzelner Online-Initiativen lässt sich also wie ein politischer Seismograph lesen.

These 2: Die Stärkung von Online-Partizipation ist zur Zeit eine Ermächtigung der Ermächtigten

In Deutschland haben Bürger Interesse an der politischen Partizipation über Online-Kanäle. Diese Bürger stellen aber keinen repräsentativen Ausschnitt der Gesamtbevölkerung dar. Stattdessen zeigen Nutzungsstudien von Online-Partizipationskanälen, dass diese in der Regel von einer politisch aktiveren, formal besser gebildeteren und männlicheren Bevölkerungsgruppe genutzt wird als dem Schnitt der Bundesbürger (vgl. z.B. Linder und Riehm 2011, Marschall 2011). Eine politische Stärkung von Online-Partizipation ist also zur Zeit wohl eine Ermächtigung der Ermächtigten.

These 3: In Deutschland wird das Internet von der Bevölkerung überwiegend noch nicht als Medium der politischen Partizipation gesehen

Im Gegensatz zu den USA ist das Internet in Deutschland noch kein dominierendes Medium für Bürger, um sich über Politik zu informieren. Die Mannheimer Forscher Thorsten Faas und Julia Partheymüller fanden in einer Untersuchung zur politischen Onlinenutzung während des Bundestagswahlkampf 2009, dass nur 18,8% der von Ihnen Befragten in der Woche bevor dem Befragungszeitpunkt mindestens an einem Tag das Internet genutzt hatte, um sich über den Wahlkampf zu informieren (Faas und Partheymüller 2011). Ähnliche Ergebnisse finden sich in Studien, die sich mit der aktiven politischen Partizipation über Soziale Netzwerkplattformen befassen (vgl. z.B. von Pape und Quandt). Das Internet wird also zur Zeit von den meisten Deutschen nicht als Medium für politische Information oder Partizipation gesehen.

These 4: Der Schwerpunkt des parteipolitischen Community-Managements liegt offline ganz richtig

Für einen Großteil der deutschen Parteimitglieder und Unterstützer ist das Telefon, der Bürgerbrief oder der Besuch der Bürgersprechstunde eines Politikers immer noch der bevorzugte Weg für politisches Feedback. Solange dies so bleibt, solange sind Parteien und Politiker gut beraten, auch weiterhin den Schwerpunkt ihres Community-Managments offline zu sehen.

Literatur:

Thorsten Faas und Julia Partheymüller (2011) “Aber jetzt?! Politische Internetnutzung in den Bundestagswahlkämpfen 2005 und 2009,” In: Eva Johanna Schweitzer und Steffen Albrecht (Hrsg.): Das Internet im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2009. Wiesbaden: VS Verlag. S. 119 – 135. DOI: 10.1007/978-3-531-92853-1_4.

Ralf Lindner und Ulrich Riehm (2011) “Broadening Participation Through E-Petitions? An Empirical Study of Petitions to the German Parliament,” Policy & Internet: Vol. 3: Iss. 1, Article 4. DOI: 10.2202/1944-2866.1083

Stefan Marschall (2011) “Wahlen, Wähler, Wahl-O-Mat,” Aus Politik und Zeitgeschichte, B 61, S. 40-46.

Thilo von Pape und Thorsten Quandt (2010) “Wen erreicht der Wahlkampf 2.0? Eine Repräsentativ-studie zum Informationsverhalten im Bundestagswahlkampf 2009,” Media Perspektiven, 9/2010, S. 390-398.

[Update: 2011/06/06]
Bei Blogfraktion habe ich die These 2 noch etwas ausführlicher formuliert: “Wer hat, dem wird gegeben: Politische Beteiligung im Internet“.

re:publica XI: Politische Klicks

re:publica 11Nun ist die diesjährige Auflage der re:publica gekommen und gegangen. Begleitet wurde sie diesmal von heftiger Medienaufmerksamkeit und einer etwas bemüht scheinend Kontroverse um die Vereinsgründung der “Digitalen Gesellschaft” unter dem Vorsitz von Markus Beckedahl. Leider war dies dann auch schon das spannendste Thema der Konferenz.

Für mich war es dieses Jahr die erste re:publica, die ich besuchte. Mir fehlt also der Vergleich zu den Konferenzen der letzten Jahre. Allerdings muss ich sagen, dass ich die Vorträge in diesem Jahr nur semispannend fand. Wenig Neues. Es scheint fast als hätte sich in den netzpolitischen Aufregungen von 2009 die Innovationsenergie des deutschsprachigen Netzes erst einmal für die folgenden Jahren verbrannt. Es müsste doch inzwischen möglich sein, über mehr zu sprechen als vermeintliche Revolutionen oder vermutete Potentiale diverser neuer oder weniger neuer Online-Dienste. So ganz allein scheine ich mit dieser Einschätzung nicht zu sein.

Andreas Jungherr auf der re:publica 2011
(cc) Jonas Fischer/re:publica

Am Donnerstag hielt ich einen Vortrag mit dem Titel “Politische Klicks: Nutzungsdynamik des deutschen E-Petitionssystems“. In dem Vortrag stellte ich die Ergebnisse einer Studie von Pascal Jürgens und mir zu Nutzerverhalten auf der E-Petitionsplattform des Deutschen Bundestags vor. Hier die Präsentation:

Wer an mehr Informationen zu der Untersuchung interessiert ist wird bei dem Open Access Journal Policy & Internet fündig. Dort haben Pascal Jürgens und ich die Ergebnisse ausführlich in dem Artikel “The Political Click: Political Participation through E-Petitions in Germany” dokumentiert.

The Internet in German Campaigns

Eva Schweitzer und Steffen Albrecht (Hrsg.): Das Internet im Wahlkampf: Analysen zur Bundestagswahl 2009

Just got news that Eva Schweitzer’s and Steffen Albrecht’s edited volume “Das Internet im Wahlkampf: Analysen zur Bundestagswahl 2009” is out. The book collects papers that address different aspects of the internet’s role in the campaign for the German general election of 2009. Pascal Jürgens and I contributed a paper on the use of Twitter during the campaign called “Wahlkampf vom Sofa aus: Twitter im Bundestagswahlkampf 2009″ [SpringerLink] [preprint in German].

The collection offers a broad perspective on the state of political internet use in Germany. It also contains interesting pieces by Steffen Albrecht who writes about blogs, Jesscia Kunert and Jan Schmidt who write about social networking sites, Thorsten Faas and Julia Partheymüller who write on political internet use in Germany, Thomas Roessing and Nicole Podschuweit who focus on political uses of Wikipedia, Christoph Bieber who comments on the role of online tools in the overall party campaigning strategies and Eva Schweitzer who focuses on political websites during the campaign. There are many other interesting articles in this collection so if you are interested in the topic be sure to check it out.

Speaking at re:publica XI about E-Petitions in Germany

Just got word, that my presentation proposal for this year’s re:publica has been accepted. I’ll be presenting some of the results of the work Pascal Jürgens and I did on the usage data of the German Bundestag’s E-Petition platform. So, see you in Berlin.

re:publica 11

Interview für Kommune21

In der aktuellen Ausgabe des Magazins Kommune21 findet sich ein Interview mit mir zum Thema Onlinekommunikation für Städte und Gemeinden. Natürlich fiel auch das Stichwort “Stuttgart 21″. Anbei der Text des Interviews oder hier als pdf.

Herr Jungherr, als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft KampagnenPraxis zeigen Sie Organisationen, wie sie das Internet für ihre Kommunikation erfolgreich nutzen können. Haben insbesondere Institutionen der öffentlichen Hand hier Nachholbedarf?

Ja. Dieser Nachholbedarf ist mit dem scheinbar geringen Anpassungsdruck von Kommunen an das Internet erklärbar. Politische Akteure waren spätestens seit dem Superwahljahr 2009 gezwungen, aktive Online-Präsenzen zu entwickeln. Verantwortlich dafür war die öffentliche Berichterstattung über die Online-Erfolge der Obama- Kampagne im Jahr 2008 und die damit plötzlich gestiegenen Erwartungen. Firmen haben ebenfalls ein großes Interesse daran, im Netz präsent zu sein, sei es zur Darstellung und Inszenierung der eigenen Marke oder um Kunden eine Dialogplattform zu bieten. Beispiele wie Dell-Hell oder United Breaks Guitars haben dazu geführt, dass viele Firmen Online-Kommunikation inzwischen sehr ernst nehmen. In den genannten Fällen sahen sich die Unternehmen Dell und United Airlines plötzlich heftiger Kritik im Netz gegenüber. Dieser Protest wurde so stark, dass die Firmeninhalte fast vollständig von den Inhalten der Kritiker verdrängt wurden. Die öffentliche Hand hat es da etwas leichter, weil sie quasi in zweiter Reihe steht. Wenn es in einer Kommune Probleme gibt, richtet sich der öffentliche Protest in der Regel erst einmal gegen die politischen Köpfe. Hier ist es interessant, ob Stuttgart 21 zu einer Änderung führt.

Wie verändern soziale Netzwerke das Kommunikationsverhalten der Bürger?

Soziale Netzwerke übernehmen gerade in jüngeren Altersgruppen zunehmend die Rolle von Informationsfiltern. Immer mehr Kommunikationsinhalte erreichen die Nutzer in Form von Links über ihre Freunde oder Kontakte auf dem jeweiligen Netzwerk. Dies gilt für Musikvideos und Angebote klassischer Medien ebenso wie für Materialien von politischen Akteuren. Und all diese Inhalte konkurrieren um die begrenzte Aufmerksamkeit der Nutzer. Der Nachrichtenwert wird dabei um einen sozialen Wert ergänzt: Die Frage ist nicht mehr, wie wichtig die Nachricht ist, sondern wer die Information verschickt hat.

Bürgerproteste gegen Großprojekte organisieren sich zunehmend in solchen Netzwerken. Wie können Kommunen hier gegenhalten?

Indem sie präsent sind. Momentan finden viele Diskussionen im Netz über Infrastrukturprojekte oder Kommunen fast ausschließlich ohne Beteiligung der Städte und Gemeinden statt. Das lässt sich sehr leicht erklären: Wenn eine Kommune ein Projekt kommunizieren will, beruft sie eine Pressekonferenz ein. Bürgerinitiativen haben es da schwerer, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Deshalb haben sie schon früh den Weg ins Netz gefunden und informieren auf eigenen Web- Seiten und in sozialen Netzwerken über ihre Anliegen. Dies tun Kommunen nur unzureichend. Der interessierte Bürger trifft im Web also meist nur auf die Informationen der Kritiker von umstrittenen Projekten. Hier gilt es für Städte und Gemeinden, frühzeitig auf eigenen Internet-Seiten und Profilen in sozialen Netzwerken mit verständlich aufbereiteten Inhalten über ihre Projekte zu informieren.

Wie würden Sie eine Kampagne für ein bei Bürgern umstrittenes Vorhaben einer Stadt aufsetzen?

Kommunen müssen frühzeitig mögliche Streitpunkte identifizieren. Hier bieten sich demoskopische Umfragen mit offenen Fragen bei von dem Projekt betroffenen Bürgern an. Auf Basis dieser Ergebnisse sollte entweder die Projektplanung angepasst werden oder frühzeitig Informationsveranstaltungen stattfinden, welche die Streitpunkte adressieren und entschärfen. Im eher fortgeschrittenen Stadium sollte das Projekt auf einer Internet-Seite ausführlich und verständlich dargestellt werden. Eine eigene Projektpräsenz in sozialen Netzwerken ist in den meisten Fällen wahrscheinlich übertrieben. Allerdings sollten die Informationen auf der Web-Seite leicht verlinkbar sein, sodass Unterstützer sie in sozialen Netzwerken verwenden können. Zusätzlich sollten Stadt oder Projektplaner verfolgen, ob und wie im Netz über das Vorhaben gesprochen wird. Wenn sich dort gesteigertes Interesse zeigt, ist es entscheidend, dass Stadt oder Planer aktiv auf die vorgebrachten Kritikpunkte reagieren.

Wie muss eine Kommunikationsstrategie aussehen, um die Bürger zu überzeugen?

Ziel sollte es sein, bei interessierten Bürgern um Zustimmung für das Projekt zu werben. Hierzu gilt es, relevante Informationen verständlich und leicht zugänglich zu präsentieren. Wichtig ist aber auch, dass der Prozess nicht irgendwann auf halber Strecke als abgeschlossen betrachtet wird. Die Stadt muss über den gesamten Verlauf der Planung und Umsetzung eines Projektes versuchen, Ängste und Sorgen der Bürger zu identifizieren und dazu klar Stellung zu beziehen.

Welche technischen Hilfsmittel empfehlen Sie?

Inzwischen gibt es sehr gute und einfach zu bedienende Hilfsmittel, um online zu kommunizieren. Allerdings ist die technische Entwicklung so schnell, dass es wenig hilft, einzelne Anbieter zu empfehlen. Bei der Wahl der Hilfsmittel oder Online-Plattformen sollten sich Kommunen vielmehr zwei Fragen stellen: Wo lassen sich Informationen umfassend und leicht zugänglich bereitstellen und wo halten sich die Adressaten der Kommunikationsinhalte auf? Als Antwort auf die erste Frage bietet sich momentan das Betreiben einer eigenen Web-Seite an. Um die zweite Frage zu beantworten, muss geprüft werden, welche sozialen Netzwerke in der Region stark genutzt werden.

Wie beurteilen Sie die Wirkung von Social Media, führen soziale Netzwerke zu neuen Formen der politischen Partizipation oder wird deren Einfluss überschätzt?

Die zunehmend aktive Nutzung von Social Media, wie zum Beispiel Blogs, Podcasts und Videos, in Kombination mit der steigenden Popularität von sozialen Netzwerken führt zu einer stärkeren Sichtbarkeit von politischem Protest. Interpretiert man dies positiv, führen originelle Videos, Poster-Remixe und hohe Unterstützerzahlen auf Facebook dazu, dass die politische Elite stärker basisdemokratisch kontrolliert wird. Interpretiert man es negativ, führt es dazu, dass durch polarisierende Inhalte und hohe Unterstützerzahlen für Ad-hoc-Kampagnen ein quasi-plebiszitäres Element in den politischen Prozess drängt, das durch das Grundgesetz in dieser Form bewusst nicht vorgesehen war. Welche Wertung man der Entwicklung auch gibt, öffentliche Akteure sehen sich einer volatileren öffentlichen Meinung gegenüber, in der auch Anliegen von Kleingruppen plötzlich eine hohe Sichtbarkeit und Unterstützung erfahren können. Vor diesem Hintergrund langfristige und nachhaltige Projekte umzusetzen, ist eine neue Herausforderung.

Das Interview führte Alexander Schaeff.

Präsent sein. Ein Interview von Alexander Schaeff mit Andreas Jungherr. Kommune21. 1/2011. S.20f.

Guestpost for “Politik nach Zahlen” on Twitter Election Forecasts

With Pascal Jürgens [@pascal], and Harald Schoen I wrote a short blogpost for “Politik nach Zahlen“, a blog focused on empirical research on elections, hosted by the German newspaper Die Zeit. In “Twitterprognosen, oder: Warum die Piratenpartei beinahe die Wahl 2009 gewonnen hätte” we addressed the claim made by Andranik Tumasjan, Timm O. Sprenger, Philipp G. Sander, and Isabell M. Welpe in their paper “Predicting Elections with Twitter: What 140 Characters Reveal about Political Sentiment” presented at the AAAI Conference on Weblogs and Social Media, that Twitter would serve as a valuable instrument in forecasting election results. In their paper they found that the mentions of political parties on Twitter during a given time interval would closely mirror the election result. As the embedded diagram shows our results were not so encouraging.

More on that here.