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Forschungsaktivität zur Rolle des Internet in der politischen Kommunikation

Die Rolle des Internets in der politischen Kommunikation ist eine Schlüsselfrage moderner Kampagnenführung und der Bildung öffentlicher Meinung. Internationale Kampagnen und Politiker müssen sich die grundsätzliche Frage stellen, welche digitalen Werkzeuge sie wie in ihre Kampagnen einbinden, wie sie digitale Kommunikation für die Darstellung und Vermittlung ihrer Politik oder ihrer Wahlkampfbotschaften nutzen können und wie sie ihre Organisationsstrukturen den Möglichkeiten und Anforderungen der Digitalisierung anpassen können. Zusätzlich gehören internetbasierte Dienste zu den wichtigsten Vermittlern politischer Information. Sie sind das Tor, durch das immer mehr Menschen politische Informationen bewusst selektieren oder durch das sie zufällig auf diese stoßen. Das Internet und digitale Dienste sind also Kernelemente politischer Kommunikation unserer Zeit. Wie spiegelt sich diese zentrale Bedeutung in den damit befassten wissenschaftlichen Feldern der Politik- und Kommunikationswissenschaft?

Um einen Eindruck der Rolle des Internets in der politischen Kommunikation in den zentralen Debatten der Politik- und Kommunikationswissenschaft zu gewinnen, habe ich mit einer wissenschaftlichen Hilfskraft thematisch relevante Artikel und Buchbesprechungen in zentralen Zeitschriften der beiden Fächer gesammelt. Hierfür haben wir die Archive von 25 zentralen Zeitschriften der Politik- und Kommunikationswissenschaft auf Artikel und Buchreviews zum Thema Nutzung des Internets und digitaler Werkzeuge in der politischen Kommunikation und in Wahlkämpfen durchsucht.

Bei der Auswahl relevanter Zeitschriften nutzten wir das ISI Web of Knowledge und den dort ausgewiesenen Impact Faktor für Zeitschriften für das Jahr 2014. Aus den Kategorien Politik- und Kommunikationswissenschaft identifizierten wir jeweils die 20 am besten gerankten Zeitschriften nach ihrem Impact Faktor im Jahr 2014 und dem für dasselbe Jahr ausgewiesenen Fünfjahres Impact Faktor. Der Impact Faktor ist ein umstrittener Wert in der Einschätzung des Einflusses von Zeitschriften. Dennoch bietet er für die Untersuchung der Frage nach der Zahl themenrelevanter Artikel und Buchbesprechungen in zentralen Publikationsorganen der Politik- und Kommunikationswissenschaft ein inhaltlich überzeugendes und transparentes Entscheidungskriterium für die Wahl relevanter Publikationen. Für die hier dargestellte Analyse wurden alle Hefte der ausgewählten Zeitschriften berücksichtigt, die von Anfang 1990 bis Mitte August 2016 veröffentlicht wurden. Tabelle 1 zeigt einen Überblick über die berücksichtigten Zeitschriften und die jeweils berücksichtigten Ausgaben.

Title Erste Ausgabe Letzte Ausgabe
African Affairs 1990: 89(354) 2016: 115(460)
American Journal of Political Science 1990: 34(1) 2016: 60(3)
American Political Science Review 1990: 84(1) 2016: 110(2)
Annual Review of Political Science 1998: 1 2016: 18
British Journal of Political Science 1990: 20(1) 2016: 46(3)
Communication Research 1990: 17(1) 2016: 43(6)
Communication Theory 1991: 1(1) 2016: 26(3)
Comparative Political Studies 1990: 22(1) 2016: 49(9)
European Journal of Political Research 1990: 18(1) 2016: 55(3)
Information Communication & Society 1998: 1(1) 2016: 19(10)
International Journal of Press/Politics 1996: 1(1) 2016: 21(3)
Journal of Broadcasting & Electronic Media 1990: 43(1) 2016: 60(2)
Journal of Communication 1990: 40(1) 2016: 66(4)
Journal of Computer-Mediated Communication 1995: 1(1) 2016: 21(4)
Journal of Politics 1990: 52(1) 2016: 78(3)
New Media & Society 1999: 1(1) 2016: 18(7)
Party Politics 1995: 1(1) 2016: 22(4)
Perspectives on Politics 2003: 1(1) 2016: 14(2)
Political Behavior 1990: 12(1) 2016: 38(3)
Political Communication 1990: 7(1) 2016: 33(3)
Political Psychology 1997: 18(1) 2016: 37(4)
Politics & Society 1990: 18(1) 2016: 44(3)
Politische Vierteljahresschrift 2000: 41(1) 2016: 57(2)
Public Opinion Quarterly 1990: 54(1) 2016: 80(2)
Publizistik 2000: 45(1) 2016: 61(3)

Tabelle 1: Berücksichtigte Journale

Die Identifizierung relevanter Artikel lief in drei Schritten ab. In einem ersten Schritt durchsuchte eine wissenschaftliche Hilfskraft die online verfügbaren Inhaltsverzeichnisse der 25 relevanten Zeitschriften und wählte jeden Artikel und jede Buchbesprechung aus, die ihr thematisch relevant erschienen. In einem zweiten Schritt durchsuchte ich über die Suchmasken der Zeitschrift-Archive nach Artikeln, die im Titel oder im Abstract einen aus einer Reihe von thematisch relevanten Begriffen verwendeten. Für diese Suche verwendete ich die folgenden Begriffe und Wortstämme in einer Booleschen Suche: internet OR blog OR website* OR facebook OR twitter OR weblog* OR digital OR email* OR e-mail*. Die auf diese beiden Schritte hin identifizierten Artikel und Besprechungen untersuchte ich in einem letzten Schritt noch einmal auf ihre thematische Relevanz.

Hierbei identifizierten wir 238 thematisch relevante Artikel und 78 besprochene Bücher mit thematischer Relevanz. Die so identifizierten Artikel und Bücher bilden zwar bei weitem nicht alle relevanten und einflussreichen Texte mit Themenbezug ab. Dennoch ist dieses Vorgehen gut geeignet, einen ersten Blick auf die Stellung des Themenkomplexes in zentralen Zeitschriften der Politik- und Kommunikationswissenschaft und dessen zeitliche Entwicklung zu geben.

Zahl wissenschaftlicher Artikel zur Rolle des Internets in der Politischen Kommunikation

Abbildung 1: Zahl Artikel pro Jahr (n=238)

Abbildung 1 zeigt die Zahl thematisch relevanter Artikel, die in den ausgewählten Zeitschriften von 1996 bis August 2015 veröffentlicht wurden. Die Jahre von 1990 bis 1995 wurden zwar in der Recherche berücksichtigt, aber nicht ausgewiesen, da in diesem Zeitraum in den betrachteten Zeitschriften keine thematisch relevanten Artikel erschienen. Wir sehen, dass von 1996 bis 1999 jährlich nur ein bis zwei thematisch relevante Artikel erschienen. Zwischen 2000 und 2008 stieg die jährliche Zahl der Artikel auf zwischen 5 und 10. Von 2009 an haben wir einen stetig steigenden Trend, der seit 2015 bei knapp über 30 thematisch relevanten Artikeln im Jahr vorläufig gipfelt. Dieser Anstieg verläuft in etwa parallel zur stetig zentraler werdenden Rolle des Internets in der politischen Kommunikation. Alternativ kann er aber auch als Konsequenz des Auftretens thematisch auf das Internet konzentrierter Zeitschriften, wie zum Beispiel des Journal of Computer-Mediated Communication, New Media & Society oder Information, Communication & Society, gelesen werden. Dies wird dadurch gestützt, dass diese Zeitschriften in den letzten Jahren die Zahl ihrer Ausgaben pro Jahr von vier auf sechs bzw. von acht auf zwölf erhöht haben. Damit ist der verfügbare Raum für Publikationen mit einem Schwerpunkt auf Onlinekommunikation sprunghaft gestiegen. Auch dies spricht für die gesteigerte wissenschaftliche Bedeutung des Themas.

Zahl Bücher zur Rolle des Internets in der politischen Kommunikation

Abbildung 2: Zahl besprochene Bücher pro Jahr (n=78)

Im Kontrast hierzu bleibt die Zahl der jährlich besprochenen Bücher relativ konstant. Abbildung 2 zeigt zwar auch Schwankungen in der Zahl jährlich besprochener Bücher, aber ein klarer Trend lässt sich hier nicht ablesen. Auch hier wurden die Jahre von 1990 bis 1995 in der Recherche berücksichtigt, aber nicht ausgewiesen, da in diesem Zeitraum in den betrachteten Zeitschriften keine thematisch relevanten Bücher besprochen wurden. Von 1999 an wurden jährlich etwa vier bis acht thematisch relevante Bücher besprochen. Im Gegensatz zu thematisch relevanten Artikeln findet sich hierbei kein eindeutiger Wachstumstrend.

Zahl wissenschaftlicher Artikel zur Rolle des Internets in der politischen Kommunikation je Zeitschrift

Abbildung 3: Artikel pro Zeitschrift (n=238)

Abbildung 3 zeigt die Zahl der thematisch relevanter Artikel, die auf die einzelnen Zeitschriften entfiel. Hier sehen wir sofort, dass es sich um eine massiv verzerrte Verteilung handelt. Fast die Hälfte aller relevanter Artikel entfällt auf nur drei Zeitschriften—New Media & Society, Information, Communication & Society und Journal of Computer-Mediated Communication, bei denen es sich um Zeitschriften mit dem thematischen Schwerpunkt Onlinekommunikation handelt. Traditionelle kommunikationswissenschaftliche Zeitschriften—Political Communication, The International Journal of Press/Politics und Journal of Communication—steuern fast ein weiteres Drittel der relevanten Artikel bei. Politikwissenschaftliche Zeitschriften scheinen die Rolle des Internets in der politischen Kommunikation jedoch weitgehend zu ignorieren—hier stellt Party Politics eine leichte Ausnahme dar.

Als Fazit dieser Betrachtung können wir festhalten, dass die Rolle des Internets in der politischen Kommunikation über die letzten Jahre in zentralen Zeitschriften der Kommunikationswissenschaft verstärkt untersucht wird. Dieser Anstieg wird jedoch überwiegend durch Artikel in thematisch auf Onlinekommunikation konzentrierten Zeitschriften getragen. Dennoch zeigen auch traditionelle kommunikationswissenschaftliche Zeitschriften Interesse an dem Themenkomplex. Für die Politikwissenschaft muss allerdings festgestellt werden, dass die Rolle des Internets in der politischen Kommunikation weitgehend ignoriert wird. Ein möglicher Grund hierfür ist unter Umständen das generell schwache Interesse der zeitgenössischen Politikwissenschaft an politischer Kommunikation und mangelnde konzeptionelle Arbeit, die die Nutzung des Internets und digitaler Werkzeuge an aktuelle Themenkomplexe der Politikwissenschaft knüpft.

Die Twitter-Schatten von Angela Merkel und Peer Steinbrück

Zusammen mit Harald Schoen habe ich mit dem Analysetool Crimson Hexagon die Nennungen von Angela Merkel und Peer Steinbrück seit Februar 2013 untersucht. Für den Blog Zweitstimme von ZEIT Online haben wir die Ergebnisse kurz zusammen gefasst.

Andreas Jungherr und Harald Schoen. 2013. “Die Twitter-Schatten von Angela Merkel und Peer Steinbrück: Auslöser und Themen.ZEIT Online: Zweitstimme (13/08/2013).

Die Vorhersage von Wahlen Twitter-Daten: Die deutsche Bundestagswahl 2009

Langsam kommt der Wahlkampf in Deutschland in Fahrt. Je näher der Wahltermin rückt, desto stärker wächst das Interesse an Datenquellen, die den Ausgang der Wahl mit prophetischer Weitsicht vorhersagen können. Eine beliebte Datenquelle dieser modernen Haruspices sind Daten von Onlinediensten. Besonders Twitter-Daten erfreuen sich hierbei besonderer Beliebtheit, wie nicht zuletzt der Artikel Twitternde Kristallkugel von Karoline Meta Beisel zeigt. Diese hohe Popularität liegt nicht zuletzt daran, da Tweets so leicht zähl- und visualisierbar sind. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, sich noch einmal die Beziehung zwischen Twitter-Nachrichten und den Wahlergebnissen der letzten Bundestagswahl anzusehen.

In einem Artikel haben Pascal Jürgens, Harald Schoen und ich bereits letztes Jahr gezeigt, dass die Zahl von Twitter-Nachrichten in denen Parteien erwähnt wurden keine zuverlässige Voraussage des Wahlergebnisses erlaubte. Für den Workshop Politics, Elections and Data – PLEAD2013 im Rahmen der diesjährigen Conference on Information and Knowledge Management (CIKM 2013) habe ich einen Aufsatz geschrieben in dem ich die Beziehung zwischen Twitter-Metriken und dem Wahlergebnis 2009 genauer untersuche.

Hashtag-Nennungen im Vergleich zu Stimmenzahl (2009)

In Tweets and Votes, a Special Relationship: The 2009 Federal Election in Germany zeige ich, dass weder die Zahl der Nennungen einer Partei noch die Zahl der Nutzer, die Parteinamen in ihren Tweets verwendeten eine stabile Voraussage des Wahlergebnis erlaubten. Einzig die Nennungen der Spitzenkandidaten, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, entsprachen dem späteren Wahlergebnis. Angela Merkel wurde häufiger genannt als ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier. Allerdings zeigt die Analyse der Ursachen dieser Nennungen, dass die Nennung einzelner Kandidaten nicht notwendig auf ihren folgenden Wahlerfolg hinweist:

“Hashtags referring to the names of leading candidates were used predominantly in reaction to TV-appearances of the candidates, controversies or staged campaign events. Tweets thus become an indicator of TV-appearances and other related campaign activity. The candidate who is appearing more often on TV, is campaigning more intensely and is creating more controversies thus seems to be the candidate receiving more mentions on Twitter. While all these characteristics might be sufficient conditions for a candidate to win on election day, clearly these are no necessary conditions.”

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die bisherige Literatur über das Verhältnis von Tweets zu Wählerstimmen einige grundlegende Fragen zu beantworten hat, bevor wir von einem systematischen Zusammenhang sprechen können:

“As of now, most of the literature focuses on documenting correlations between some measures of the attention a political actor (be they parties or candidates) received on Twitter and some measures of electoral success (be it the number of votes or vote share). The novelty factor of these results stems from the fact that these correlations seem somewhat counterintuitive. Why should there be a systematic relationship between the number of times a political actor was mentioned on a social media service, Twitter, and her later electoral fortunes? Especially, since, as of now, there is no indicator that in any country Twitter’s user base is a representative sample of its whole population. The relevant literature has largely ignored this question. Maybe it would be possible to postpone work on this question if correlations between tweets and votes were shown to be stable. But if, as this paper has shown, these correlations are highly dependent on arbitrary selections by researchers (i.e. on which time intervals to focus or which political actors to include in the analysis) it becomes of crucial importance to address the implicit mechanism that should create a systematic relationship between tweets and votes. In this, research into the relationship between tweets and votes illustrates the limits of an empiricistic, exclusively data driven approach in the social sciences. An approach that recently has gathered some steam under the term big data. Especially in data rich contexts, and thus contexts with a high probability of spurious correlations, research has to be grounded in the theoretical development and data based examination of social mechanisms that lead to the emergence of specific data patterns. The discussion of these mechanisms is largely missing from the literature on the prediction of elections based on Twitter messages. This discussion is necessary before we can claim that showing some correlations between some Twitter messages and some election results is more than a surprising data artefact.”

Andreas Jungherr. 2013. “Tweets and Votes, a Special Relationship: The 2009 Federal Election in Germany.” In Proceedings of PLEAD’13, October 28 2013, San Francisco, CA, USA. New York, NY: ACM.

New Article: “Online campaigning in Germany: The CDU online campaign for the general election 2009 in Germany”

A few days back “German Politics” published the iFirst version of my paper “Online campaigning in Germany: The CDU online campaign for the general election 2009 in Germany“. In this paper I describe the attempts of the German conservatives to include Web 2.0 elements in their campaign of 2009. It's a little light on theory but I hope that the rich description in the paper helps the reader in getting a feeling for the present state of Web 2.0 campaigning in Germany. Please let me know what you think.

The paper was first prepared for the MPSA meeting in 2010, which as it turned out I could not attend because of a rather temperamental volcano on Iceland. Early in 2012 I presented another early version of the paper during a workshop organized by Rachel Gibson and Andrea Römmele at the ECPR joint session in Antwerp, Belgium. So this paper has a bit of milage on it but I'm happy that it's finally out.

Here is the abstract:

The German election year 2009 saw the first attempts by political parties to include Web 2.0 services in their online campaigns. The 2009 election therefore offers the opportunity to examine how political parties outside the USA – where online campaigning has become commonplace – choose to use online tools in their campaigns. This paper examines the online campaign of the German Christian Democratic Union (CDU) with a special focus on the campaign's use of Web 2.0 services. The different elements of the campaign will be discussed with regard to three basic functions of online campaigning provided by the relevant literature: 1) presence in the online information space; 2) support of the infrastructure of politics; 3) creation of symbols for political support and participation. This paper shows that these functions were all present in the CDU's use of online tools in the campaign of 2009.

Andreas Jungherr. 2012. (Online First). “Online campaigning in Germany: The CDU online campaign for the general election 2009 in Germany.” German Politics.

 

Social Media Nutzung in öffentlichen Verwaltungen

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins move moderne verwaltung habe ich einen Artikel zu den Chancen und Herausforderungen der Nutzung von Social Media in öffentlichen Verwaltungen geschrieben. Das Heft ist inzwischen erschienen und den Artikel kann der geneigte Leser hier finden.

Andreas Jungherr. 2012. “Spannende Ergänzung.” move moderne verwaltung 10(2): 30-33.

Vier Thesen zu politischer Online-Partizipation anlässlich des Politcamp11

Nächste Woche ist mal wieder Zeit für das Politcamp, diesmal in Bonn. Am kommenden Sonntag werde ich auf dem von Alexander Kurz moderierten Panel “Partizipation und Community Management. Nutzen Parteien den Rückkanal?” mit Tobias Nehren, Jürgen Ertelt und Julius van de Laar über die Netzaktivitäten der deutschen Parteien diskutieren. Nachdem Cem Basman bereits mit einem Panel-Vorschlag für das Barcamp vorgelegt hat möchte ich in Anlehnung an Mathias Richels steile Thesen zum letzten Politcamp die Diskussion mit den folgenden vier nicht ganz so steilen Thesen starten. Hierfür noch einmal, leicht paraphrasiert, die Leitfragen des Panels:

Warum entstehen die sichtbarsten politischen Online-Initiativen in Deutschland nicht in den Parteizentralen sondern dezentral? Kann man daraus auf ein Versagen der Parteien im Netz schliessen?

These 1: Erfolge von Online Initiativen können als Ergebnisse eines politische Seismographen gelesen werden

Im Internet drehen sich Konversationen nicht um Organisationen sondern um Personen, Objekte oder Themen. Wenn politische Kampagnen im Netz Geschwindigkeit gewinnen, dann geschieht dies häufig in bereits bestehenden Interessen-Communities (z.B. in der Kommentarspalte eines Blogs) oder in den privaten Netzwerken von Betroffenen. Häufig werden Menschen online spontan politisch aktiv, die ansonsten mit Politik nicht viel zu tun haben. Nicht langfristige Einbindung in politische Prozesse oder Organisationen motiviert sondern plötzliche Ereignisse oder Themen, die in den ansonsten unpolitischen Alltag einbrechen. Und so wird auf Kommunikationswegen dieses Alltags lautstark politische Zustimmung oder Ablehnung kommuniziert. So ist es auch kein Wunder, dass im Netz erfolgreich ist was routinierte Berufspolitiker und Hauptstadtjournalisten spontan erst einmal als Nichtthemen einordnen würden. Einige Beispiele: Netzsperren-Petition, Yeaahh-Flashmobs, My-Gauck, S21 Gegner, GuttenPlag Wiki, zu Guttenberg Unterstützer.

Diese Initiativen entstanden neben dem üblichen politischen Prozess und ihr Erfolg war in der Regel sowohl für Politiker, Medien als auch häufig für die Initiatoren selbst überraschend. Auch wenn einige dieser Initiativen im Umfeld von Parteien entstanden oder nach Anfangserfolgen von etablierten Parteien und Politikern unterstützt wurden, ist das nicht der Grund für ihren Erfolg. Stattdessen sprachen diese Initiativen Themen an, die durch den politischen Betrieb vernachlässigt wurden, die aber die Unterstützer der Initiativen für wichtig hielten. Der Erfolg einzelner Online-Initiativen lässt sich also wie ein politischer Seismograph lesen.

These 2: Die Stärkung von Online-Partizipation ist zur Zeit eine Ermächtigung der Ermächtigten

In Deutschland haben Bürger Interesse an der politischen Partizipation über Online-Kanäle. Diese Bürger stellen aber keinen repräsentativen Ausschnitt der Gesamtbevölkerung dar. Stattdessen zeigen Nutzungsstudien von Online-Partizipationskanälen, dass diese in der Regel von einer politisch aktiveren, formal besser gebildeteren und männlicheren Bevölkerungsgruppe genutzt wird als dem Schnitt der Bundesbürger (vgl. z.B. Linder und Riehm 2011, Marschall 2011). Eine politische Stärkung von Online-Partizipation ist also zur Zeit wohl eine Ermächtigung der Ermächtigten.

These 3: In Deutschland wird das Internet von der Bevölkerung überwiegend noch nicht als Medium der politischen Partizipation gesehen

Im Gegensatz zu den USA ist das Internet in Deutschland noch kein dominierendes Medium für Bürger, um sich über Politik zu informieren. Die Mannheimer Forscher Thorsten Faas und Julia Partheymüller fanden in einer Untersuchung zur politischen Onlinenutzung während des Bundestagswahlkampf 2009, dass nur 18,8% der von Ihnen Befragten in der Woche bevor dem Befragungszeitpunkt mindestens an einem Tag das Internet genutzt hatte, um sich über den Wahlkampf zu informieren (Faas und Partheymüller 2011). Ähnliche Ergebnisse finden sich in Studien, die sich mit der aktiven politischen Partizipation über Soziale Netzwerkplattformen befassen (vgl. z.B. von Pape und Quandt). Das Internet wird also zur Zeit von den meisten Deutschen nicht als Medium für politische Information oder Partizipation gesehen.

These 4: Der Schwerpunkt des parteipolitischen Community-Managements liegt offline ganz richtig

Für einen Großteil der deutschen Parteimitglieder und Unterstützer ist das Telefon, der Bürgerbrief oder der Besuch der Bürgersprechstunde eines Politikers immer noch der bevorzugte Weg für politisches Feedback. Solange dies so bleibt, solange sind Parteien und Politiker gut beraten, auch weiterhin den Schwerpunkt ihres Community-Managments offline zu sehen.

Literatur:

Thorsten Faas und Julia Partheymüller (2011) “Aber jetzt?! Politische Internetnutzung in den Bundestagswahlkämpfen 2005 und 2009,” In: Eva Johanna Schweitzer und Steffen Albrecht (Hrsg.): Das Internet im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2009. Wiesbaden: VS Verlag. S. 119 – 135. DOI: 10.1007/978-3-531-92853-1_4.

Ralf Lindner und Ulrich Riehm (2011) “Broadening Participation Through E-Petitions? An Empirical Study of Petitions to the German Parliament,” Policy & Internet: Vol. 3: Iss. 1, Article 4. DOI: 10.2202/1944-2866.1083

Stefan Marschall (2011) “Wahlen, Wähler, Wahl-O-Mat,” Aus Politik und Zeitgeschichte, B 61, S. 40-46.

Thilo von Pape und Thorsten Quandt (2010) “Wen erreicht der Wahlkampf 2.0? Eine Repräsentativ-studie zum Informationsverhalten im Bundestagswahlkampf 2009,” Media Perspektiven, 9/2010, S. 390-398.

[Update: 2011/06/06]
Bei Blogfraktion habe ich die These 2 noch etwas ausführlicher formuliert: “Wer hat, dem wird gegeben: Politische Beteiligung im Internet“.

re:publica XI: Politische Klicks

re:publica 11Nun ist die diesjährige Auflage der re:publica gekommen und gegangen. Begleitet wurde sie diesmal von heftiger Medienaufmerksamkeit und einer etwas bemüht scheinend Kontroverse um die Vereinsgründung der “Digitalen Gesellschaft” unter dem Vorsitz von Markus Beckedahl. Leider war dies dann auch schon das spannendste Thema der Konferenz.

Für mich war es dieses Jahr die erste re:publica, die ich besuchte. Mir fehlt also der Vergleich zu den Konferenzen der letzten Jahre. Allerdings muss ich sagen, dass ich die Vorträge in diesem Jahr nur semispannend fand. Wenig Neues. Es scheint fast als hätte sich in den netzpolitischen Aufregungen von 2009 die Innovationsenergie des deutschsprachigen Netzes erst einmal für die folgenden Jahren verbrannt. Es müsste doch inzwischen möglich sein, über mehr zu sprechen als vermeintliche Revolutionen oder vermutete Potentiale diverser neuer oder weniger neuer Online-Dienste. So ganz allein scheine ich mit dieser Einschätzung nicht zu sein.

Andreas Jungherr auf der re:publica 2011
(cc) Jonas Fischer/re:publica

Am Donnerstag hielt ich einen Vortrag mit dem Titel “Politische Klicks: Nutzungsdynamik des deutschen E-Petitionssystems“. In dem Vortrag stellte ich die Ergebnisse einer Studie von Pascal Jürgens und mir zu Nutzerverhalten auf der E-Petitionsplattform des Deutschen Bundestags vor. Hier die Präsentation:

Wer an mehr Informationen zu der Untersuchung interessiert ist wird bei dem Open Access Journal Policy & Internet fündig. Dort haben Pascal Jürgens und ich die Ergebnisse ausführlich in dem Artikel “The Political Click: Political Participation through E-Petitions in Germany” dokumentiert.

The Internet in German Campaigns

Eva Schweitzer und Steffen Albrecht (Hrsg.): Das Internet im Wahlkampf: Analysen zur Bundestagswahl 2009

Just got news that Eva Schweitzer’s and Steffen Albrecht’s edited volume “Das Internet im Wahlkampf: Analysen zur Bundestagswahl 2009” is out. The book collects papers that address different aspects of the internet’s role in the campaign for the German general election of 2009. Pascal Jürgens and I contributed a paper on the use of Twitter during the campaign called “Wahlkampf vom Sofa aus: Twitter im Bundestagswahlkampf 2009” [SpringerLink] [preprint in German].

The collection offers a broad perspective on the state of political internet use in Germany. It also contains interesting pieces by Steffen Albrecht who writes about blogs, Jesscia Kunert and Jan Schmidt who write about social networking sites, Thorsten Faas and Julia Partheymüller who write on political internet use in Germany, Thomas Roessing and Nicole Podschuweit who focus on political uses of Wikipedia, Christoph Bieber who comments on the role of online tools in the overall party campaigning strategies and Eva Schweitzer who focuses on political websites during the campaign. There are many other interesting articles in this collection so if you are interested in the topic be sure to check it out.