Author Andreas Jungherr

O-Ton zu Prognosemöglichkeiten durch Big Data

In der morgigen Sendung des Wissenschaftsmagazin Scobel gibt es einen kurzen O-Ton von mir zur Rolle von Big Data für Prognosen.

Neue Prognose-Horizonte dank Big Data. Scobel. 3sat. 2017/07/06.

Neue Publikation PVS: Das Internet in der politischen Kommunikation – Forschungsstand und Perspektiven

Heute erscheint die neue Ausgabe der Politischen Vierteljahresschrift (PVS). Für die Ausgabe habe ich einen Überblick der aktuellen wissenschaftlichen Debatte zur Rolle digitaler Technologie in der politischen Kommunikation geschrieben.

Ziel des Überblicks ist, den aktuell auf unterschiedliche Fachbereiche verteilten Wissensstand zusammenzuführen und damit den Einstieg in ein Forschungsfeld zu erleichtern, das bisher von der Politikwissenschaft weitgehend ignoriert wurde.

Zwar gibt es prominente Politikwissenschaftler, die den Einfluss des Internets auf die Politik untersuchen, ihre einschlägigen Publikationen finden sich aber überwiegend in Zeitschriften der Kommunikationswissenschaft oder Nischenzeitschriften der Politikwissenschaft. Gründe hierfür sind wohl die überwiegend im Feld vorherrschende paradigmatische Auffassung von kleinen Medieneffekten auf politische Meinungsbildung und das überraschende Desinteresse an der Untersuchung von institutionsinternen Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen in Parteien im Kontext moderner Organisationssoziologie. Diese Ausgangslage führt dazu, dass die Politikwissenschaft zu Fragen des Wandels politischer Kommunikation im Kontext der Digitalisierung wenig eigenständig beizutragen hat.

Dies erscheint zunehmend problematisch. Sei es die Rolle digitaler Technologie in den Wahlkämpfen Barack Obamas, die durch das Internet und Mobiltelefone gestützte Mobilisierung weltweiter Protestbewegungen, die Kontrolle des Internets durch autokratische Regime, der vermutete Zusammenhang zwischen der verstärkten Sichtbarkeit ideologisch geprägter Nischenmedien on- und offline und politischer Polarisierung oder die Potenziale des Internets als Datenquelle. Das Verständnis des Einflusses digitaler Kommunikationstechnologie ist zentral für das Verständnis politischer Prozesse und Phänomene der Gegenwart. Hier kann die interessierte Forscherin auf nun 20 Jahre intensiver Forschungsarbeit der Soziologie und Kommunikationswissenschaft zu gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung im Allgemeinen und des Internets im Besonderen zurückgreifen. Dieser Artikel zeigt eine Reihe thematisch relevanter Fragestellungen und Befunde in der einschlägigen Literatur auf.

Der Artikel erscheint zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Politikwissenschaft muss sich die Frage stellen wo und wie sie die Auswirkungen der Digitalisierung in ihren Theorien, Modellen und Methoden aufnehmen soll. Fest steht: Das Internet ist zentral in der zeitgenössischen politischen Kommunikation und wird es auch bleiben. Für die Politikwissenschaft stellt sich nun die Frage, wie mit diesem Befund umzugehen ist. Sieht man das Internet als bloße Datenquelle für konzeptionell unterentwickelte Zahlenspielchen, als Spielwiese putziger Sonderlinge, die sich in der Internet-Ethnographie verlustieren, oder nimmt man das Phänomen ernst und versucht, seinen Einfluss konzeptionell realistisch zu erfassen? Bleibt der politikwissenschaftliche Konsens bei den ersten beiden Optionen stehen, wird dies unweigerlich dazu führen, dass die Politikwissenschaft zu einem zentralen Element der Politik und der öffentlichen Meinungsbildung keine eigenständigen Beiträge anzubieten hätte. Stattdessen wäre man auf die freundschaftliche Hilfe der Kollegen Soziologen und Kommunikationswissenschaftler angewiesen. In einer Zeit, die zunehmend geprägt ist durch die diskursive Neuverhandlung gesellschaftlicher Werte und Institutionen, erscheint dies als wenig wünschenswerte Entwicklung für das Fach.

Den Artikel gibt es online auf der Seite der PVS und im Preprint hier.

Abstract: Das Internet ist zentrales Element moderner politischer Kommunikation. Trotz seiner Bedeutung wurde dieses Phänomen jedoch in den zentralen Debatten der Politikwissenschaft bisher nur oberflächlich thematisiert. Der vorliegende Literaturüberblick skizziert den sozialwissenschaftlichen Diskurs zur Nutzung des Internets in der politischen Kommunikation. Inhaltlich konzentriert sich der Artikel auf die Darstellung verfügbarer Literatur zur Ideengeschichte politischer Erwartungen an das Internet, die Nutzung des Internets durch politische Eliten und Organisationen sowie die Nutzung des Internets durch die Bevölkerung und damit verbundene Effekte. Der Artikel schließt mit der Darstellung systematischer Probleme in der thematisch relevanten Literatur und mit einem kurzen Ausblick auf mögliche Forschungsperspektiven.

Andreas Jungherr. 2017. Das Internet in der politischen Kommunikation: Forschungsstand und Perspektiven. Politische Vierteljahresschrift 58(2): 285-316. doi: 10.5771/0032-3470-2017-2-285 [Preprint]

#Politsnack: Unterstützung durch Daten für Kampagnen vor Ort

Diesen Dienstag habe ich im #Politsnack der Konrad-Adenauer-Stiftung über die Rolle von Daten in Kampagnen gesprochen. Eine Audioaufzeichnung der Präsentation gibt es hier.

Die Präsentation stützte sich im Wesentlichen auf meinen bald in der Zeitschrift für Politikberatung erscheinenden Aufsatz “Datengestützte Verfahren im Wahlkampf”, den es hier als Preprint gibt.

Hier Links zu den von mir während der Präsentation angesprochenen weiterführende Texte:

Baumer, B. S., Kaplan, D. T. und Horton, N. J. (2017) Modern Data Science with R. Boca Raton, FL: Chapman & Hall/CRC Press.

Green, D. P. und Gerber, A. S. (2015) Get Out the Vote: How to Increase Voter Turnout (3. Auflage). Washington, DC: Brookings Institution Press.

Güldenzopf, R. (2017) Was Funktioniert? A/B-Tests in der Politischen Kommunikation. adenauer campus. (4. April).

Hersh, E. D. (2015) Hacking the Electorate: How Campaigns Perceive Voters. New York, NY: Cambridge University Press.

Issenberg, S. (2012) The Victory Lab: The Secret Science of Winning Campaigns. New York, NY: Crown Publishers.

Jungherr, A. (2017) Datengestützte Verfahren im Wahlkampf. ZPB Zeitschrift für Politikberatung. (Im Erscheinen).

Kaplan, D. T. (2012) Statistical Modeling: A Fresh Approach (2. Auflage). Project MOSAIC.

Nickerson, D. W. und Rogers, T. (2014) Political Campaigns and Big Data. The Journal of Economic Perspectives, 28, 51–74. doi:10. 1257/jep.28.2.51

Nielsen, R. K. (2012) Ground Wars: Personalized Communication in Political Campaigns. Princeton, NJ: Princeton University Press.

The Impact of Technology on Political Communication: The Printing Press, Newspapers, Television, and the Internet (Syllabus, Konstanz 2017)

Another spring, another spring semester! Once again, I am very happy to be teaching a topic very close to my current work. This semester, I offer a course on the role of technological innovation for politics and political communication. The goal of the course is to introduce students to a theoretical toolkit allowing them to conceptualize and empirically analyze interlinked processes of technological innovation and political change.

In this, I see the course as part of the current development in the field of trying to take the exceptionalism out of research on political and social consequences of digital innovation. Here, much is to be gained by increasing the sophistication in the theoretical debate and the conceptualization of underlying phenomena, effects, and trends. At least in political science, this means extending the canon of commonly used theories. This is what we will attempt in this course.

Description: Changes in media technology have historically impacted political processes, structures, and patterns of political communication. Currently, we are living through one of these transitions in form of the digitalization. This makes it paramount to understand its likely impact on politics. During the course, students will be introduced to central approaches in conceptualizing and measuring the effects of technological change on politics. In the first part of the course, we will focus on conceptualizing the relationship between technology, communication, and politics. Following this, we will focus on specific technologies and their relationship with politics. In the last section of the course, we will discuss the use of digital technology in specific areas of politics.

Syllabus: The Impact of Technology on Political Communication: The Printing Press, Newspapers, Television, and the Internet

Datengestützte Verfahren im Wahlkampf: Wie funktionieren sie und was können sie wirklich?

Für ein bevorstehendes Sonderheft der ZPB Zeitschrift für Politikberatung haben mich Svenja Falk, Andrea Römmele, Ralf Güldenzopf und Mario Voigt eingeladen, einen Artikel zur Funktion und Rolle von datengestützten Verfahren im Wahlkampf zu schreiben. Der Einladung bin ich natürlich gerne gefolgt. Da das Thema in Vorbereitung auf die kommende Bundestagswahl immer wieder eine Rolle spielt, anbei schon einmal den Preprint des Textes. Die Finalversion gibt es dann im Heft!

Abstract: Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 wird die Nutzung datengestützter Verfahren in Wahlkämpfen viel diskutiert. Kampagnenmacher, Journalisten und Öffentlichkeit stellt sich die Frage nach dem Potential und möglichen Gefahren der Nutzung großer Datensätze und statistischer Modelle durch politische Organisationen. Auch wenn das Thema viel Aufmerksamkeit erhält, sind konkrete Nutzungsweisen und Wirkungen datengestützter Verfahren im Wahlkampf nur sehr vage umrissen und verstanden. Vor diesem Hintergrund bietet der vorliegende Artikel einen Überblick der Rolle datengestützter Verfahren in Wahlkämpfen. Der Text beginnt mit einer Darstellung der grundsätzlichen Funktion datengestützter Verfahren im Wahlkampf, skizziert unterschiedliche Ansätze zur datengestützten Wähleransprache und diskutiert die Nutzung von Daten zur Evaluation von Kampagnentätigkeit und als rhetorisches Element von Kampagnen. Nach dieser Darstellung grundsätzlicher Nutzungsarten datengestützter Verfahren im Wahlkampf zeigt der Artikel wichtige Rahmenbedingungen auf und diskutiert, wie die Wirkung entsprechender Verfahren zu messen ist. Auf dieser Basis stellt der Artikel die Nutzung datengestützter Verfahren in deutschen Kampagnen dar. Der Artikel schließt mit Leitfragen, mit denen die Nutzung und Wirkung datengestützter Verfahren im Verlauf des Bundestagswahlkampfs 2017 untersucht und diskutiert werden kann.

In dem Text diskutiere ich drei grundlegende Nutzungsarten datengestützter Verfahren in Wahlkämpfen und ihre Bedeutung für deutsche Wahlkämpfe:

    1. Die Senkung von Wahlkampfkosten durch die Konzentration von Kampagnenkontakten auf vielversprechende Ansprechpartner;
    2. die Steigerung von durchgeführten Kontakten durch Effizienzgewinn in der Durchführung von Kontakten; und
    3. die Generierung wohlwollender Presseberichterstattung.

Hier geht es mir auch darum, einige der momentan in der Debatte umherschwirrenden übertriebenen Erwartungen an die Macht von Daten in der politischen Kommunikation zu erden:

Es entsteht schnell der Eindruck, dass eine den Daten innewohnende Magie Kampagnen eine gespenstische Sicherheit in der Auswahl und Ansprache von Wahlberechtigten gibt. Dies ist natürlich Unsinn. Datengestützte Verfahren dienen der Verringerung von Unsicherheit und damit der Senkung von Kosten vergeblicher Kontaktversuche für Kampagnen. Dies ist weit entfernt von tatsächlicher Sicherheit über die zu erwartende Reaktion von angesprochenen Wahlberechtigten. Auch wird allgemein die Qualität der Kampagnen vorliegenden Daten und der darauf entwickelten Modelle überschätzt. Ganz grundsätzlich basiert das Potential datengestützter Verfahren im Wahlkampf auf drei entscheidenden Elementen:

    1. Es müssen verlässliche Informationen über das Verhalten und die Einstellungen von Wahlberechtigten vorliegen, die für Kampagnen interessant sind und die sie beeinflussen wollen;
    2. Es müssen ausreichende personenbezogene Informationen zu Wahlberechtigten vorliegen, die Rückschlüsse auf Verhalten oder Einstellungen erlauben (siehe 1);
    3. Die Beziehungen zwischen Verhalten und Einstellungen von Wahlberechtigten (siehe 1) und den über sie vorliegenden Informationen (siehe 2) müssen über den Zeitverlauf zwischen Modellentwicklung und Wahltag stabil bleiben.

Dies sind anspruchsvolle Bedingungen, die bei weitem nicht für alle diskutierten Nutzungsweisen datengestützter Verfahren gegeben sind. In der Diskussion der Rolle datengestützter Verfahren im Wahlkampf ist also Gelassenheit ratsam und gesunde Skepsis gegenüber den Werbeversprechen reisender Datenhändler und der mit statistischen Modellen bewehrten Zukunftsschauer angebracht.

Andreas Jungherr. 2017. Datengestützte Verfahren im Wahlkampf. ZPB Zeitschrift für Politikberatung. (Im Erscheinen).

Which Political Side Profits from the Internet?

For a piece in The New York Times on the role of the internet in democracies, Thomas B. Edsall reached out for a quick assessment of which political forces tend to profit from digital technology:

It seems to me this is not a question about ideological placement but more about organizational or movement strategy. As long as I am in opposition, the payoff is higher in investing in digital infrastructure and thereby channeling the activities and enthusiasm of my supporters than when in power. So I would expect a re-emergence of political activity, for example in the form of alternative news sources, on the liberal side in the coming years.

Thomas B. Edsall. How the Internet Threatens Democracy. The New York Times. 2017/03/02.